Das Ende der Gitarrenhelden?

Kaum, dass ich meinen Gitarrenhelden zuletzt endlich einmal live erleben durfte, prophezeit die Washington Post in einem (auch technisch) tollen Artikel den Tod der E-Gitarre. Die Süddeutsche springt prompt auf und schlägt in die gleiche Kerbe („Ist die Gitarre am Ende?„). Die These die gleiche: Das Publikum altert mit seinen Helden, die Jungen hingegen hören lieber Computermusik.

Und wenn man sich so umschaut, sieht man tatsächlich keine neuen Gitarrenhelden am fernen, weiten Horizont. Bestenfalls gilt, folgt man WP-Autor Geoff Edgers, ausgerechnet Pop-Sängerin Taylor Swift noch als einflussreiche Größe:

Andy Mooney, the Fender CEO, calls Swift “the most influential guitarist of recent years.”

“I don’t think that young girls looked at Taylor and said, ‘I’m really impressed by the way she plays G major arpeggios.’ ” Mooney says. “They liked how she looked, and they wanted to emulate her.

Technisch versierte Spiele wie ein John Mayer oder ein Joe Bonamassa erreichten hingegen den Gitarrengott-Status vergangener Blütezeiten nicht mehr, hätten keinen nennenswerten Einfluss auf die Verkaufszahlen im Gitarrengeschäft.

Und wenn man sich so umhört, mag da etwas dran sein. Das letzte Gitarrengöttchen war meiner Wahrnehmung nach vielleicht noch Mark Tremonti von Creed. Darauf folgt gähnende Leere. Dass es heute keine Gitarrengötter mehr gibt, mag daran liegen, dass die E-Gitarre den Gipfel des Olymp schon lange erreicht hat und es für Götter dort nicht mehr viel zu holen gibt, denn was sollte ein Gitarrengott noch erreichen können?

Ein Townshend, ein Clapton, Jimi Hendrix, Stevie Ray Vaughan, Eddie van Halen, Al di Meola – und wie sie alle heißen – ein jeder konnte der sich entwickelnden E-Gitarrenmusik etwas Neues hinzufügen, sie um eine Facette bereichern und noch eins obendrauf setzen. Spätestens mit der neo-klassischen Welle in den 80ern war der Zenit dann aber langsam erreicht: Shredder wie Yngwie Malmsteen, Steve Vai oder Joe Satriani schraubten das Niveau dermaßen in die Höhe, dass alte Helden blass aussahen und durch gitarristische Ruhmestaten alleine nicht mehr viel zu holen war. Das dekonstruierten neue Helden wie Slash oder Kurt Cobain und die gesamte Grunge-Bewegung gründlich durch ihren dreckig-rotzigen Stil, der sich um Timing und saubere Arpeggios einen Dreck scherte, und trotzdem: Viele Blumentöpfe waren nicht mehr zu holen.

Kein Wunder, dass Anfang 2000 die deprimierendste Phase der E-Gitarrenwelt einsetzte: die des Nu-Metal. Bis ins die tiefsten Register heruntergestimmte Gitarren, massiv verzerrt gespielt, sorgten dafür, dass auch der letzte Depp einen brachial wirkenden Metalrhythmus spielen konnte. Technisch anspruchslos und wenig heldentauglich, doch vielleicht der Grundstein für eine neue Entwicklung im Metal:

„Does it Djent?“ – Extrem tief gestimmte Gitarren, abgedämpfte Anschläge, brachialer Klang, aber im Gegensatz zu den Nu-Metallern gelingt es der Djent-Szene ihre Exklusivität im rhythmischen Bereich zur Geltung zu bringen, ohne auf die technischen Highlights ihrer Vorgänger zu verzichten. Dabei treiben sie die E-Gitarre weiter voran: Hätte man vor fünfzehn Jahren mit einer 8-saitigen Gitarre den Proberaum betreten, so sind diese heute nicht mehr allzu ungewöhnlich und erlauben es, in noch tiefere Frequenz-Regionen vorzudringen. Bassers beware!

Es geht also weiter, kein Grund zur Panik.

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2 Gedanken zu “Das Ende der Gitarrenhelden?

  1. Also bis zu deinem Ausritt in die 2000er konnte ich dir noch gut zustimmen.

    Dann machst du aber die Nu-Metal-Schublade auf und alles ist schlecht? Oh, zu kurz gesprungen, da gibts mehr als Limp Bizkit 😉
    Das ist mir auch viel zu kurz gesprungen mit „Schublade zu, Gitarrist tot“.

    Ich hätte noch einen weiteren Ansatz, eigentlich zwei…

    …zum einen zeigt deine Nu-Metal-Ansicht vielleicht auch, dass es im Auge des Betrachters liegt? Mehr Aufmerksamkeit bekommt, was einem selber liegt.
    Auch ist interessant, ob der Gitarrist es denn zeigt. Wilde Theorie: es gibt Leute, die behaupten Farin Urlaub wäre ein begnadeter Gitarrist. Sieht man das dem Durchschnitts-Ärzte-Song an? Eher nicht. Prägend wäre er sicher, auch wenn es lokaler begrenzt ist.

    …und das ist der zum anderen Part –> Aufmerksamkeit in der Musikszene ist doch sehr start flüchtig. Es wird doch alle Nase lang das Neue-Ding gemästet und ausgenommen.
    Es gibt so viel, aus so vielen Quellen, hier ne Schallplatte, da der Youtube-Channel und alles irgendwo dazwischen, aber bitte morgen schon was neues.

    Und das ist auch etwas, dass die Alten nicht hatten. Sie hatten gewissermaßen Zeit.
    Und das kannst du nicht nur bei Gitarrenhelden sehen. Ich finde, es ist auch generell zu sehen, dass die Musikindustrie sich hier schön selber frisst, weil es niemand prägenden gibt.

    Vermarktet wird viel und wahrscheinlich bleibt auch trotz der schlimmen Raubkopierer noch der eine oder andere Dollar/Euro hängen. Aber mach doch mal das Radio an, was läuft da?
    Gut, ich weiß, du bist eher bei Streaming-Diensten unterwegs, aber auch dort wirst du im Prinzip eingelullt, denn der Algorithmus zeigt dir auch immer nur mehr vom Gleichen und nichts Neues.
    Sicher, das gefällt zu erst, ist ja bekannt… aber dann?

    Der gute alte Schallplatten/CD-Laden, den wir noch kennen, der hatte auch schon seine Vorteile. Dort war die „Mehr-vom-Gleichen“-Beratung durchaus variabler, denn der eine Mensch und Musikfreund hat den anderen Beraten 🙂

  2. Hast ja Recht, bei Nu-Metal kommt immer der Beißreflex durch. 😉 Aber immerhin haben sie den Weg für den Djent bereitet. Die geben sich endlich wieder Mühe. 😛

    Und auch das Auge des Betrachters spielt immer eine Rolle, aber als Gitarrenhelden wird man Farin Urlaub sicher nicht bezeichnen. Begnadete Gitarristen gibt es ja viele, aber wenn sich jemand ’ne Westerngitarre kauft, weil er auch mal Westerland spielen möchte, liegt’s vielleicht eher am Song. Und zum Gitarrenheldentum gehört natürlich auch, dass man zeigt, was man kann.

    Dass mit der flüchtigen Aufmerksamkeit ist gewiss ein Argument, obwohl so ein John Mayer (gut aussehend, singend, begnadet spielend) auch schon ein paar Jahre im Geschäft ist. Es kommt wohl noch ergänzend dazu, dass gerade auch andere Musikstile gefragter sind, in denen die Gitarre keine Rolle spielt.

    Übrigens liebe ich meinen Spotify-Algo! Den würde ich heiraten! Klar sumpfe ich im gleichen Zeug rum, bin aber nur einen Klick von Neuem entfernt und lerne in meinem Kosmos sehr viel Neues kennen. Beste Erfindung seit dem Internet!

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