Bookcrossing

Gestern war hier in Bielefeld wieder einer dieser schönen Herbsttage, an denen die Sonne die Temperaturen unangestrengt über die 20 Grad schubst, ein leichter Wind von Zeit zu Zeit seine Brise durch die von verspielten Schatten gefleckten Straßen schickt, und man noch ein letztes Mal Gelegenheit hat, die warmen Sonnenstrahlen auf der Nase zu spüren.

Den Rucksack auf dem Rücken, die Hände in den Taschen stehe ich da in dieser Herbstsonne als die Stadtbahn, unter einem fürchterlichen Quietschen, das meine Ohren zusammenziehen lässt, kaum drei Meter vor mir anhält. Mit einem Puffen öffnen sich die Türen, Menschen klettern drei Gitterstufen herab, die Traube der Wartenden kann es kaum noch ertragen, ein Mann mit zwei Krückstöcken boxt mich zur Seite. Einstieg.

Im Wagon desinteressierte Fenstergucker, Bild-Leser. Trotz der so ungeduldig vor mit Hereingeströmten ist noch Platz im Sechser am Ende des Abteils. Ich setze mich und füge mich ein in die Reihe der Fenstergucker, das Kinn in die Hand gestützt, der Arm findet auf der seitlichen Ablage Platz. Noch bevor meine Augen in phlegmatischer Ruheposition verharren können, entdecke ich das Buch. Es liegt im anderen Sechser, keinen Meter von mir entfernt, auf der Ablage im gegenüberliegenden Abteil.

Ich sehe einen Aufkleber auf dem Buch. Es scheint mit Absicht dort liegengelassen worden zu sein. Was für ein Buch mag das wohl sein? Meine Augen wandern zu den anderen Menschen im gegenüberliegenden Abteil. Keiner scheint das Buch bemerkt zu haben. Die nächste Haltestelle ist meine Chance. Schnell raus aus diesem Abteil, rüberlaufen zum nächsten und zielstrebig in den Sechser, zum Buch.

Albern. Wegen eines Buches jetzt hier dämlich hin- und herzurennen. Da steigen doch auch neue Leute ein. Vielleicht schnappt sich ja schon vorher jemand… Ich stehe auf und gehe unauffällig und möglichts entspannt zur Tür. Drücke den Knopf, der die Tür beim nächsten Halt öffnet. Schätze ab, wie lange die Bahn bis zur nächsten Haltestelle braucht, versuche zu erraten, wieviele Menschen wohl um diese Zeit an dieser nächsten Haltestelle einsteigen könnten. Allzu viele können es ja nicht sein. Die Bahn wird langsamer, hält. Es pufft, die Türe klappt unendlich langsam auf, von der Seite her kann ich sehen, wie sich eine Menschentraube vor dem anvisierten Abteil sammelt. Endlich entsteige ich der Bahn.

Ich jogge zügig zum nächsten Einstieg. Überflüssig. Alle Lahmen und Fußkranken Bielefelds haben sich ein Stelldichein vor diesem Einstieg gegeben; sie schleppen sich mühsam die drei Stufen hinauf, kriechen auf allen Vieren mit sabbernder Zunge; während die Sonne auf ihren krummen Rücken tanzt, erstiefeln sie mit schweren Füßen die zitternden Gitter.

Es schreit in mir, die Sonne verweigert mir den Einblick in das Abteil. Höhnisch lacht ihre Reflexion auf mich herab, während meine Ellbogen reflexartig ausschlagen wollen, meine Hände den buckligen Rücken vor mir zur Seite reißen möchten, meine Beine die Stufen erklimmen und durch das Abteil hasten wollen, um endlich… ist der Weg frei. Meine Hände greifen das Geländer weit oben und mit einem Schwung schwinge ich mich in das Abteil, sofort nach links, vor mir nur ein einziger Mann. Seine schwarze Halbglatze kann überall Platz finden, doch sie bewegt sich in Richtung Sechser.

Tatsächlich setzt sich der Schwarzbärtige in den Sechser, knapp vor mir, und ich, der ich nur Zweiter bin, schulde ihm damit den Sieg und die Trophäe. Er kostet das aus und lässt sich eine kurze Sekunde Zeit, bevor er nach dem Buch greift. Mir wird übel. Ich blicke ins gegenüberliegende Abteil, wo ein Gespenst aus meinem alten Platz heraus meine Albernheit begrinst.

Der Schwarzäugige beguckt den Aufkleber, der auf dem Buchdeckel Geheimnisvolles verkündet, aber er will nur den Ruhm, allein der Triumph scheint ihm zu genügen. Wie es einem großartigen Sieger gebührt, verschmäht er den Preis seiner Anstrengungen. Er legt das Buch zurück auf die Ablage, frei für jedermann greifbar. So für mich, der ich ihm keine zweite Gelegenheit lasse.

Zufrieden sinke ich in die gepolsterte Plastikschale meines Sitzes zurück und unter dem sanften Ruckeln der Bahn lese ich die flehende Schrift auf dem Aufkleber:

Buch auf Wanderschaft
Ich bin ein freies & braves Buch.
Ich mache keinen Lärm und auch keinen Ärger. Nimm mich bitte mit!

Auf der Innenseite des Buchdeckels ein weiterer Hinweis. www.Bookcrossing.de… dort BCID eingeben… und eingeben wo gefunden… ehemaliger Besitzer freut sich auf Nachricht… nach Lesen bitte weitergeben oder wieder freilassen… tolle Idee! Werd ich machen. Und habe ich da nicht auch noch das ein oder andere Buch doppelt…

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2 Gedanken zu “Bookcrossing

  1. Hi! Hab‘ jetzt nachträglich auf der letzten Seite ’nen Link zu dem Buch gesetzt. Ist nicht der Knüller, aber derjenige, der es hinterlassen hat, hat auch schon Arno Schmidt oder Günther Grass „gebookcrosst“. Ich überlege gerade, wo ich es als nächstes liegen lassen könnte…

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