Praktikum in Enger

Gestern also das erste Seminar zum neuen Praktikum. Ich Dämel hatte
vergessen, dass wir uns auf einen Beginn "s.t." geeinigt hatten,
sprich: ’ne Viertelstunde früher als gewöhnlich. War aber zum Glück nur
drei Minuten zu spät und damit der Erste der vier folgenden
Zuspätkommer.

Hinsetzen. Erste Reihe (bestehend aus zwei Plätzen) frei. Hinter mir
ein Platz, zu dem ich mich hätte durchquetschen müssen. Ergo: erste
Reihe. Begutachtender Blick. Der leitende Lehrer ist schon etwas älter,
macht diese Praktika seit ’79 – oha, fast so lange wie ich lebe. Wirkt
verknöchert, Pflaster auf der Stirn, staubtrocken. Sieht aus wie ein
typischer Deutschlehrer in Karikaturen.
"Würden Sie sich bitte nach hinten setzen, sonst haben sie die anderen
Leute im Rücken" Was? Er will, dass ich mich nach hinten setze? Sonst ist das doch immer…egal, ich quetsche mich nach hinten.

Skepsis. Im Kommentar stand zwar etwas von "offenen Lernarrangements",
aber was soll man von einem alten Lehrer mit dem Charme eines
Sandkuchens erwarten? Langsam sind alle eingetrudelt…flotte
Begrüßung…weshalb sind Sie hier…ich finde Fontane so toll…ich mag
Lyrik…ich mag auch Fontane…ich bin hier zugewiesen, mag aber auch
Effi Briest… oh Gott…ist das

Thema nicht egal? Wir kommen sowieso später um nichts herum, also doch
völlig schnuppe welches Thema wir behandeln: ich will wissen, wie man
offene Lernarrangements arrangiert. Fontane lesen kann ich auch ohne Seminar.

Alle haben ihre Kommentar abgegeben. Der gute Mann kramt einen Ordner
hervor. Darin dünne, DinA-4 große Heftchen für Deutschlehrer mit
fertigen Unterrichtsmaterialien und einer fertigen Unterrichtsreihe.
Wie jetzt? Unterricht aus der Maggi-Tüte? Irgendwie hatte ich mir das
anders vorgestellt. Die Dinger gehen rum. "Kosten eigentlich zwölf €, für Sie nur acht." Was soll das hier? Tupperparty für angehende Deutschlehrer? "Schlagen se doch mal Seite 23 auf."

Seite 23… blättere über fertige Folien… praktisch… die faule Sau in
mir fühlt sich geschmeichelt… viel Material… aaah: S.23. Ein gelbes
Blatt mit der Überschrift "Unterrichtsverlauf". Mal reingucken, was uns
Mr.Instant-Unterricht da vorkauen möchte. "Kostet nur 8€ weil ich das Ding geschrieben hab’…da krieg‘ ich’s etwas günstiger." Ach!? ER hat das…so…will uns hier Ladenhüter verhök…"Ich krieg da nur’n Fixum. Verdien‘ da keinen müden Euro dran…" Okay Chef. Jetzt aber den Unterrichtsverlauf unter die Lupe genommen.

Aha…alles vorgegeben…Thema, Sozialform/Methode, Kapitel und
Material. Fängt auch gleich mit "Unterrichtsgespräch" an, fehlt nur
noch "Stillarbeit", "Frontalunterricht" und…"Kugellager"? Hääh? Was
ist das?
Noch nie gehört.
Hmmm… aha… Gruppenarbeit… ja…"Stationenlernen"… schon mal
gelesen… aber wie macht man das wohl… Gruppenarbeit… eigene
Dramatisierungs-Verfilmungsversuche… oho… doch nicht so Schema F.
Sieht wirklich "offen" aus… und das bei dem?

Naja… er macht mittlerweile ’nen ganz aufgeräumten Eindruck, reißt ein
paar Witzchen…ist gar nicht so verbohrt… ach Unterrichtsgespräch
basierend auf den Ergebnissen des Lesetagebuchs der Schüler… hätte ich
vielleicht auch führen sollen, dann hätte ich auch gemerkt, dass Effi nach exakt 9 Monaten schwanger wird… Fontane schreibt das nicht so
platt in seinen Text, da muss man auch schon mal nachrechnen…

Das verpricht interessant zu werden. Drei Studentinnen aus dem vorigen
Semester sind dabei, wollen wieder mitmachen. Scheint wohl gut gewesen
zu sein. Ich bin nach dem ersten Seminar optimistisch. Der Entwurf ist
gut, zeigt uns, wie man so etwas aufbauen kann und lässt uns nicht im
Regen stehen. Die Stunden halten wir alleine, so dass jetzt eigentlich
alles nur noch an mir liegt. Ich hoffe, von meinem Frontaltrip, wie im letzten Praktikum, komme ich langsam runter…

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