Welcome to Dying

Dieser Titel, der ja nun allen Lesern meines gestrigen Beitrags ein Begriff sein sollte ( ;-)), passt wie die Faust auf’s Auge des Textes, über den mich Boogie heute stolpern ließ. Dieser Text führt vor Augen, auf welcher ganz anderen Ebene unsere Musik langsam dem Tode anheim geführt wird:


Rather than use this new technology [er meint Digitaltechnik, Hokey] to take advantage of
it’s wide dynamic range, the music industry went in the
opposite direction. They decided that louder is
better. Suddenly, we found ourselves in a race to see
whose CD was the loudest. The only way to make CDs
louder was to keep compressing the signal more and more.
That’s where we are today. Everyone’s trying to make
their CD sound louder than everyone else’s. The term
that is used for this process is called, hot. Yes,
most of today’s music is recorded hot. The net result,
noise with a beat.

(…)

We’ve somehow allowed radio, with it’s limited dynamic range and frequency response, to become the
standard for what sounds good. We want the CDs we buy to sound like they do on the radio. What happened to
recreating the excitement of a live performance? Does
any of this make sense? Is it possible that we’ve
moved forward with our technology, but backward in our
thinking? We didn’t need digital technology to produce
today’s hot sound. We could have done it with analog
recording just as easily. (What happened to dynamic range?)

Und noch mehr. Sehr lesenswert und aus einer Perspektive, die dem normalen Musikkonsumenten meist verschlossen bleibt. Hier geht es nicht um Melodie, Instrumentierung, Texte, Gesellschaftskritik oder andere Geschmacksfragen, sondern um einen ganz banalen technischen Effekt. Zerstören Kompressoren und der Drang nach Lautstärke die Musikalität unserer Musik, indem sie ihr die Dynamik rauben? Wenn Musik sich immer am oberen Limit bewegt – wie soll sie dann noch einen obendrauf setzen können? Wen reißt der Chorus noch vom Hocker, wenn schon die Strophe fettestens plattkomprimiert ist? Und wo bleibt in einer solchen Aufnahme das Gefühl, erzeugt durch subtile Lautstärkeunteschiede, das der Musiker live am Instrument durch sein Können evoziert? Im Aufnahmeraum? Vorbehalten für die Ohren des Mischers, der dann mit einem beherzten Dreh am Ratio-Poti der Nachwelt dasselbe vorenthält?

Das ist ein interessanter Gedankenanstoß, den ich bei der nächsten privaten Aufnahme-Sitzung (Recording-Session, auf neudeutsch ;-)) mal mit meinen beschränkten Möglichkeiten austesten werde. Bislang dachte ich nämlich auch immer, die Aufnahme müsse sich am Peak-Limit bewegen… muss sie nicht!

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6 Gedanken zu “Welcome to Dying

  1. Wie sagte schon Nigel Tuffnel, Spinal Tap Gitarrenlegende, sinngemäß im Angesicht eines normalen Gitarrenverstärkers:

    „Where can you go to when you’re on 10? Nowhere! Mine goes to 11“.

  2. Hmmjanein. Ähm. Mit Multibandkompression und geeigneter Kompressionstechnik (ich liebe die Klangfärbungen von Analogkompression) kann es ja auch gelingen, ein Signal differenzierter klingen zu lassen. Wobei: Der Vorwurf, dass dieses allgemeine Dauergepower kulturell betrachtet ein Rückschritt ist: Ja.

    Dauerbrüllende Gesangsstimmen sind selten wirklich interessant, und so ist es mit jeder einzelnen Instrumentalstimme. Ähem. Und dabei bin ich Elektroniker vor dem Herrn.

    Was ich gerade wegen der dynamischen Situation total mag, und zwar in jeglicher Hinsicht: Die Dopplung einer synthetischen Basslinie durch eine weitgehend parallel laufenden echten Bassisten (mit leichten Variantionen). Und umgekehrt. Und das dann für jede Instrumentalstimme. Hachja. *seufz* Ich müsste mir mal mehr Zeit fürs Musikmachen nehmen. Soweit erstmal meine ungeordnete Gedankenkette…

    …Viel Spaß bei Deiner Session!

  3. Das ist ’ne gute Idee mit dem Bass, und das mit dem Multibandkompressor stimmt natürlich auch. Ohne Kompression ginge es natürlich auch nicht. Da gibt es ja ’ne Menge Tricks, zu denen mir aber meist das Material, der Raum und zumeist auch das entsprechende Können am Instrument fehlt. 😉

    Kompression gibt’s bei mir nur aus der Dose. 🙁
    Das ist aber besser als nichts und für mein Gestümper reicht’s dicke. Einzig ’ne bessere Abhöre werde ich mir beizeiten mal zulegen, mit meinen mumpfigen 4.1-Computerboxen ist da kein Staat zu machen.

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