Morgen wird geentert!

Eintausendfünfhundert mehr oder weniger prominente „Urheber“ haben sich dazu entschlossen, einen platitüdenhaften Aufruf zu unterzeichnen und sich damit nicht nur seichten Spott und hohle Häme, sondern auch einige handfeste Argumente eingehandelt. Und die kamen (erstaunlicherweise?) nicht nur aus der Blogosphäre und der Twitter-Welt, sondern mit vernichtender Kraft auch von den etablierten Medien. „Urheber“, was für ein grässlich nivellierendes Wort, aber lasst es uns verwenden, wenn sie darum betteln. Lasst uns Daniel Kehlmann den bekannten Urheber von Romanen wie “Die Vermessung der Welt“ nennen, neben Helmut Hattler, dem bekannten Urheber von Basslinien oder Bastian Pastweka dem bekannten Urheber von humoristischen Feuerwerken wie „Der Wixxer“. Ihr seid Urheber.

Mittlerweile gibt es auch einen Gegenaufruf. „Wir sind die Bürger“ heißt es dort und man versucht dort, einige plumpe Vorurteile geradezustellen. Die gesellschaftliche Debatte über das Urheberrecht kommt also langsam in Gang und wir müssen sie befeuern, damit die zarte Flamme nicht sofort von konservativen Kräften ausgeschlagen wird. Da komme ich wohl morgen um ein Kreuzchen bei den Piraten nicht herum, denn ohne die Piraten würden wir diese Diskussion gar nicht so vehement führen können. Außerdem muss ich meinem Zorn über plumpe Medienkampagnen Luft verschaffen. Dieses In-die-Nazi-Ecke-stellen und durchsichtige Unterschriftensammlungen haben mich wirklich überzeugt, dass die Piraten die einzige politische Kraft sind, die den Etablierten noch einmal so richtig Dampf machen können. Morgen wird geentert! Wir sind die Bürger.

 

11. April 2012

Der ungestüme Lärm verklingt – die Debatte um Grass’ Gedicht scheint sich etwas abzukühlen und immer mehr besonnene Stimmen wagen sich nun von verschiedenen Seiten aus dem Verdeck, nachdem doch die Brüllaffen keinen Dreck mehr finden, den sie nicht schon geworfen hätten. Ich empfehle hier einmal den Oeffinger Freidenker (inklusive Kommentare), der streckenweise ziemlich genau das geschrieben hat, was ich mir auch zu diesem Thema gedacht habe. Was für eine erbärmliche journalisische (und politische) Schlammschlacht sich da in den letzten Tagen abgespielt hat – ich spare mir die bösen Metaphern, die gerade auf meiner Tastatur tanzen.

Mal was anderes: Die Kaltmamsell hatte sich in den letzten Wochen ein wenig mit dem Thema “Introvertiertheit” beschäftigt und tatsächlich findet man da viele schöne Denkanstöße (Link 1, Link 2, Link 3). Ich fühle mich ja auch eher dieser Sorte Mensch zugehörig. Ein kurzes Zitat als Appetizer muss genügen:

Ein echter Augenöffner! Endlich fühle ich mich verstanden. Ich bin also kein Freak – wo ich mich doch immer seltsam fühlte, weil ich einerseits mit Leidenschaft und Energie Vorträge halte und präsentiere, (…) doch mich in Wirklichkeit bei Small Talk immer wie eine schlechte Schauspielerin fühle, gesellige Anlässe aktiv meide und sie in meinem Leben zur absoluten Ausnahme mache.

Habe durch meinen kurzen Spanien-Aufenthalt den Espresso für mich entdeckt, nachdem mir nach meiner Ankunft in Deutschland plätzlich morgens die deutsche Padbrühe nicht recht über die Lippen wollte. Habe mir daraufhin für 30 Euro eine Bialetti Brikka besorgt und koche mir jetzt damit meinen Kaffee. Der schmeckt jetzt wieder voll und kräftig und nicht nach Wasser.

Aber wehe, ihr wollt es mir nehmen

Für ein paar Tage Barcelona besucht, überwiegend jedoch einen Vorort namens Viladecans, und währenddessen Nachrichten und Politik weitgehend ignoriert. Eine Woche lang kein Twitter und kaum Facebook, ich vermisse nichts und bilde mir nicht ein, etwas verpasst zu haben. Im Gegenteil, konnte ich meine Zeit doch bei wunderbaren 20 Grad Celsius in einer wunderschönen Stadt verbringen.

Derweil schrieb Günter Grass ein Gedicht, weshalb er nun einen journalistischen Shitstorm ertragen muss, die Klaviatur kennt er nur zu gut; deutsche Spitzenpolitiker echauffieren sich, weil die Schweiz ihren Status als Paradies der Steuerhinterzieher durchsetzen will, und die FDP-Minister lassen sich ihre Texte von Lobbyisten diktieren. Also alles so wie immer, Kommentare erübrigen sich.

Interessant hingegen, dass immer mehr prominente Agitation gegen die Piraten stattfindet. Da waren wohl irgendwo 51 Tator-Autoren, die sich bitterlich beschwert haben sollen und jetzt lese ich gerade von 100 Prominenten gegen die Piraten, darunter Minister und Journalisten. Und immer wieder geht es ums Urheberrecht, gegen die Kostenlos-Kultur und Verwertungsrechte. Leider ist der Kommentar von Sven Prange zu eindimensional geschrieben und klammert die Schattenseiten des aktuellen Urheberrechts völlig aus, verklärt dafür die tollen Patente und übersieht vollkommen, dass es schon – abseits seiner hochheiligen Marktwirtschaft – völlig freie Inhalte schon gibt. So behauptet er:

Es hat sich nicht grundlos als Prinzip der Marktwirtschaft etabliert, dass, wo eine Nachfrage entsteht, auch ein Preis gebildet wird. Und zwar auch bei Gütern, die teilbar sind oder allen zur Verfügung stehen: Bahnfahren kostet, ebenso Trinkwasser oder im Urlaub der schöne Blick aufs Meer. Was keinen Preis hat, hat in der Marktwirtschaft auch keinen Wert.

Man beachte: „Es hat sich … etabliert.“ – gottgleich, wie die unsichtbare Hand des wohlmeinenden Marktes es weise fügt. Prange hat offensichtlich noch nie etwas von Linux, OpenOffice oder OpenSource-Software überhaupt gehört, denn dann würde er die Piraten vielleicht verstehen und müsste seine apodiktischen Behauptungen revidieren. Entwicklung, Vertrieb und Gebrauch dieser Software funktioniert ohne Preis und bietet dennoch einen gewaltigen Wert, nicht zuletzt durch die Produkte, die dann wieder mithilfe solcher Software entsteht. Ich wette, dass auch Handelsblatt-Server irgendwo auf Apache aufsetzten oder Opensource einsetzen, ob Herrn Prange das nun gefällt oder nicht.

Der langt dafür umso grober zu, zieht das ad personam, versteigt sich zu Urzeitmensch-Vergleichen und galoppiert quer durch die Geschichte, wobei er seinen Gaul überall da grasen lässt, wo es ihm gerade in den Kram passt.

Mozart musste sich von Kaiser Joseph ins Werk reden lassen: „Gewaltig viele Noten, Herr Mozart“, klagte der adelige Finanzier.

Der arme Mozart, so die implizite Aussage, wäre froh und dankbar über ein so tolles Urheberrecht wie dem unsrigen gewesen. Nun bin ich wirklich kein Experte für juristische Dinge und Rechteverwertung, aber eines weiß ich ziemlich sicher: Dass Knebelverträge  (der fiese adelige Finanzier Mozarts hieße heute schlicht „Plattenfirma“) heutzutage die Kunst nicht minder schlimm beschneiden wie Kaiser Joseph, daran glaube ich fest!

Wie auch immer die Pranges und die 100 anderen dieser Welt es drehen und wenden wollen: Wir haben ein handfestes Problem mit unserem Urheberrecht und wir werden über kurz oder lang etwas daran verändern. Wir werden nicht einmal Gesetze dafür brauchen – es gibt schon jetzt so viele sehenswerte Videos auf Plattformen wie Vimeo oder Youtube, großartige und bereichernde Texte auf Blogs, hochklassige Fotos auf Flickr&Co, dass mich euer Gejammer gar nicht kümmern braucht. Ich nutze das Netz auch ohne euch.

Aber wehe, ihr wollt es mir nehmen.

Kinder, Kinder

Hui – das Nuf wagt sich an ein heißes Thema:

Dann hat das Ganze in mir gearbeitet und ich habe meine Meinung inzwischen komplett geändert und ich fordere: Ja! Schafft die Kleinkindabteile ab! Schafft sie ab! Ich will keine Extrawürste für Familien mit Kindern mehr. Ich will, dass die Gesellschaft Kinder akzeptieren lernt. Dass die Menschen lernen aufeinander Rücksicht zu nehmen. Dass es akzeptiert wird, dass Kinder ein bißchen lauter sind als Erwachsene.(…)

(…) wie seltsam es ist, Kinder in eigene Abteile zu schließen, schwant einen, wenn man andere Abteile eröffnet. Behindertenabteile (ist doch toll!), Altenabteile (super!), Frauenabteile (grandios!), Abteile für Ausländer (Applaus!), …

Die Idee mit den Rentnerabteilen fände ich gar nicht schlecht, immerhin trifft man besonders in Zügen häufig Rentnerweibchen, die ghettoblasterbewehrt ihre Mitmenschen mit Andrea-Berg-Musik und derber Alkoholfahne belästigen, Sekt und Schnaps auf dem Boden verschütten und mit ihrem gackernden Gejohle auf allerlei Nerven herumtanzen. Da sind mit laute Kinder tausendmal lieber. Die lernen das mit der Rücksicht nämlich vielleicht noch.

Verbraucherkraft

In den letzten Tagen wurde der Super-GAU von Fukushima aufgearbeitet. Wie erwartet wurde viel gelogen, vertuscht und zurückgehalten. Man wünschte sich die gute alte Harakiri-Kultur zurück, stattdessen plant man im von Erdbeben geplagten Japan schon wieder, Atomkraftwerke anzufahren. Dass alleine der Schaden von Fukushima höher ausfallen dürfte, als der Nutzen der Billigenergie, ficht die Entscheider nicht an, dass da Land und Boden mehrere tausend Jahre verstrahlt, sprich: wirtschaftlich (das ist ja die einzige Sprache, die man in diesen Kreisen versteht) unbrauchbar sein können. Die Wiener Zeitung fasst das Desaster zusammen:

Mindestens 250.000 Jahre wird das Plutonium in der Umwelt bleiben, das durch die Explosion in Fukushima in die Luft geschleudert wurde. Und die Auswirkungen für die Gesundheit der Bevölkerung werden sich erst in den nächsten zehn, zwanzig Jahren zeigen. Welche Probleme wiederum die tausenden Tonnen radioaktiv verstrahltes Wasser verursachen, die ins Meer geleitet werden, ist noch nicht absehbar. Ganz abgesehen von dem Kubikmeter an radioaktiv verseuchtem Müll, der derzeit noch unter freiem Himmel gelagert ist.

Schuld sind aber auch die Verbraucher, die auf Billigstrom abfahren, Energie verschwenden und sich über ach so hässliche Solar-Dächer und Windräder aufregen. Und die Politker wählen, für die 250.000 Jahre strahlendes Plutonium bloß ein „Restrisiko“ darstellen. (Vor 250.000 Jahren gab es noch nicht einmal den sogenannten homo sapiens!)

Zum Internet. Hier haben Verbraucher nun direktere Möglichkeiten, auf die Börsenkurse von Unternehmen Einfluss zu nehmen: Wir haben Mark Zuckerberg bei den Eiern, um es mal unfein auszudrücken. Als eines der Risiken für seine Anleger musste Zuckerberg drohenden Anwenderschwund benennen. Dass das durchaus im Bereich des Möglichen ist, kann man gerade bei der Diskussion um Google erahnen: Wegen der unklaren Datenschutzbestimmungen und AGB drohen Nutzer mit einem Google-Streik – von einigen Bloggern liest man schon, dass sie insgesamt auf Alternativen wie z.B. duckduckgo setzen und auf sämtliche Google-Dienste verzichten. Ich halte es, bei all der Schnelllebigkeit im Netz, auch für Größen wie Google oder Facebook nicht für unwahrscheinlich, dass diese eines Tages von anderen abgelöst werden. Denn im Gegensatz zur Atomkraft hält die keine Regierung künstlich am Leben: wenn die Nutzer weg sind, sind sie weg.