Wahnsinn

Eigentlich ist diese Rubrik ja für Musik reserviert und nicht für Literatur, aber nachdem ich Arnos Schmidts Kurzroman “Seelandschaft mit Pocahontas” gelesen habe, muss ich hier einfach mal meinen Eindrücken freien Lauf lassen.

Wenn Spock’s Beard progressive Musik machen, dann ist “Seelandschaft mit Pocahontas” das literarische Gegenstück dazu! Unglaublich, wie Arno Schmidt mit Sprache umgeht und dem, was er ausdrücken will, unterordnet. Seine Sprache scheint nahezu barrierefrei. Ist unsereins Gefangener seiner Sprache und beim Schreiben immer auf der Suche nach dem nächsten richtigen Wort, so hat Arno Schmidt die Gabe, sich die Sprache Untertan zu machen und sich von ihren Zwängen zu befreien. Die Worte scheinen ihm zuzufliegen und egal welches ihm zugeflogen kommt, es scheint immer zu passen.

Resultat ist ein zunächst verworren anmutender Text, dessen rhizomartige Verstrickungen sich jedoch auflösen, wenn man denn am Ball bleibt. Genauch wie bei progressiver Musik. Zunächst verworrene Harmonien, krumme Rhythmen. Doch hört man genauer hin, zeigt sich, dass der Musiker Herr der Musik ist und nicht die Musik über den Musiker. Nicht die alten, ewiggleichen plakativen Kadenzen und Töne, sondern neue Formen und Melodien, die andere Wege zu Liebe, Melancholie und Aggression zeigen, sind hier ausschlaggebend.

Arno Schmidts Roman ist nahezu eine einzige Aneinanderreihung von Liebesakten, aber so plastisch und nah, gleichzeitig aber durch die Wortfremdheit dem Betrachter als so distanziert erscheinend, dass nichts anrüchig, billig oder schlüpfrig wirkt. Man wünscht sich fast, mit dem Ich zu tauschen, dringt tief in seine Gefühle ein, möchte fast schreien, wenn es zum Ende kommt.

Tolles Buch, ich bereue es nicht, es nach den ersten anstrengenden Seiten nicht weggelegt zu haben.

Orchesterauflösungen

Lese gerade einen empörten Artikel über die vermehrte Auflösung von Orchestern in unseren Kulturhaupstädten. Teure Orchester werden in Zeiten klammer Kassen stillgelegt, lediglich ein paar Musiker und Dirigenten arbeitslos, aber das hatte man ihnen ja schon im Studium vorausgesagt. Soll man sich aufregen? Der Markt wird’s schon richten. Kommt Zeit, kommt Geld, kommt wieder ein Orchester.

Wieso nicht privatisieren? Weil’s sich nicht rentiert, geht ja eh’ keiner hin. Klassik – Musik für Hochgestochene. Möchtegerns. War halt schon immer Musik für die oberen 5 Prozent. Schon früher nur für die Spitze der Gesellschaft. Das Volk liebt andere Musik. Köpft den König, dieser Kropf muss weg! Weg mit der Klassik, sie bedeutet nichts!

Doch halt! Was wäre, wenn schon die Fürsten der Klassik den Garaus bereitet hätten? ABBA ohne Streicher? Was wäre Death-Metal ohne Tritonus? Gitarren-Solo ohne bachsche Fuge? Was mit den Samples für die Rapper? Und wo bliebe das Deutschlandlied…

Keine Frage: Wer die Klassik beschneidet, beschneidet die einflussreichste Musikrichtung seit jeher! Kaum ein Stil kommt ohne Anleihen bei der Klassik aus, angefangen bei Andre-Rieu-Walzer Kitsch, über teures Klingeltongedudel bis hin zu schwermetallischen Gitarrenwänden. Der Großteil des Pop-Klamauks im Radio muss erst mit den Wassern der Klassik gewaschen werden, bevor er den Herzschmerz der Hörer erreicht, die nötige Tiefe gewinnt oder sei es nur, dass die Musiker ihre Fähigkeiten erst an der Klassik erproben mussten, um dann andere Wege einzuschlagen.

Wie soll man also das Verhalten der Entscheider bewerten? Ist es Undankbarkeit? Zwang? Unverständnis? Sparen am falschen Ende? Sollten wir sie alle in einer Kirche einsperren und ihnen die Toccata um die Ohren brausen lassen? Würde das helfen? Ich weiß es nicht…

Haiducci

Gestern einen “Skandal”-Bericht im Fernsehen gesehen, wo Fans zu einem Haiducci-Konzert gegangen sind und festgestellt haben, dass es gar nicht die echte Haiducci war. Bemerkt haben sie das nicht am unverwechselbaren Gesang von Haiducci, sondern daran, dass die irgendwie komisch aussah…

Also ehrlich: Wer für teuer Geld auf Konzerte geht, wo der “Künstler” zu einem Vollplayback mitträllert und derart austauschbar ist, dass man den Unterschied nur als “irgendwie komisch” definieren kann, dann ist man selber Schuld. Kein Mitleid. Wer das mitmacht wird doch schon seit Jahren von der Plattenindustrie verarscht. (

“Der neueste Sommerhit in diesem Jahr: “XYZ”! Mit dem neuen XYZ-Tanz! Klatsche dreimal in die Hände, wackle mit Deinem fetten Arsch, zahle uns 10€ für die Single, die wir in einem Tag einprogrammiert haben und glaub uns, mit dieser Platte hast Du Musikgeschichte erlebt…”)

Da spare ich mir das Mitreden- und Tanzenkönnen und gehe lieber für 20€ aufs nächste Spock’s Beard Konzert. DA weiss ich, dass die Jungs unverwechselbar sind und nicht jeder dahergelaufene Wasserstoffblondine den Sänger mal eben ersetzt und sein Schlagzeugsolo trommelt…