Flaggenparade

Ich verstehe das nicht. Ehrlich. Das geht mir nicht in die Rübe. Überall Häuser schwarz-rot-gold beflaggt. Menschen, die ansonsten auf ihre sensible Haut achten und den Sonntagmorgen regelmäßig mit einer Käse-Gurken-Maske eröffnen, schmieren sich industriell gefertigte Farben zweifelhafter Herkunft ins Gesicht. Andere beflaggen ihren fahrbaren Untersatz gleich doppelt und dreifach mit kleinen Wimpeln, und wieder andere frühstücken von grasgrünen Brettchen, die mit einem Fußballfeld garniert sind und klauben sich ihr Nutella aus fußballgeformten Gläsern. Hallo? Noch jemand zu Hause?

Ich bin mir nicht wirklich sicher, was ich davon halten soll. Als “Spuk” empfinde ich es nicht, es kommt, es geht – ich schätze, dass nach dem Endspiel kräftig ausgefegt wird, die Flaggen verschwinden nach ein paar Wochen, und alles ist wieder wie vorher, mit dem einen Unterschied, dass Brasilien nicht mehr Weltmeister ist. Aber gefallen kann mir das auch nicht. Soviel Bohei um Sport? Um diesen Sport? Quatsch. Dass es dabei nicht nur um den Sport gehen kann, ist klar.

Als fanatischer Box-Fan gucke ich mir recht viele Kämpfe an. Ich zittere mit “meinem” Boxer ebenso, wie ich mit der deutschen Auswahl zittere. Aber hänge ich deshalb ‘ne Fahne aus dem Fenster? Schmiere ich mir vor jedem Boxkampf Schminke ins Gesicht? Besaufe ich mich nach jedem Boxkampf? Renne ich dann johlend durch die Straße und brülle mir den Namen des Boxers und die Polypen gleich dazu aus dem Leib? Klebe ich mir ‘nen Wimpel ans Fahrrad? Nein, all das mache ich nicht. Und ich zittere wirklich bis kurz vorm Herzinfarkt mit, ich kann mit Fug und Recht behaupten, Blut und Wasser zu schwitzen und alles zu geben, was man vor einem Fernseher eben so geben kann. An mangelnder Begeisterung scheitert es bei mir nicht. Es muss etwas anderes sein.

Immer wieder höre ich die Kernermanns Sätze sagen wie: „Die Welt rückt zusammen“ und fesche Außenreporterinnen künden davon, dass die ausländischen Gäste ganz toll aufgenommen würden, und dass Krawalle nur von einzelnen, gaaanz wenigen Idioten provoziert worden seien. Alles laufe friedlich, die Welt sehe jetzt, dass wir Deutsche ja eigentlich gar nicht fies und ausländerfeindlich seien.

Doch der nationalistische Teufel tobt nicht auf den Straßen, wie uns die Nachrichten glauben machen wollen. Er ist nicht allein verkörpert in glatzköpfigen, bestiefelten Vollbirnen, die sowieso ganz andere Flaggen schwenken als die Schwarz-Rot-Goldene. Der nationalistische Satan tobt in unseren Köpfen, wie die Sozialpsychologie weiß. Mit jeder Fahne, jedem Autokorso, jedem Nationaltrikot und jedem einzelnen Tor werden wir immer wieder daran erinnert, wo wir vermeintlich hingehören, welcher Gruppe wir zugehörig sind und welcher nicht. Gemeinsamkeiten werden bestenfalls innerhalb der sogenannten Nation gesehen, aber nicht nach außen. Da herrscht das Prinzip der positiven sozialen Distinktheit, sprich: Wir sind gut, die anderen nicht. Das gilt im übrigen für alle Gruppenzugehörigkeiten, nicht nur für die nationale Zugehörigkeit.

Wieviele nationale Stereotype haben wir in den letzten Wochen serviert bekommen? Ich bin schon wieder fest im Glauben, Argentinier könnten nicht über 1,72m wachsen und englische Knie bestünden generell aus Eisen. Wie enttäuscht waren unsere Mirkofonschwenker, dass die “Zauberer vom Zuckerhut” nicht ihren Wunderfußball präsentiert haben. Einhellig herrscht die Meinung, dass Brasilien den langweiligsten Fußball aller Zeiten geboten hat und dennoch betitelt der Spiegel den Kommentar zum Spiel Frankreich – Brasilien mit „Organisation schlägt Spielfreude“. Gefangen im Vorurteil. Die Italiener werden im Spiegel als eingeölte und angeschmierte Muttersöhnchen bezeichnet, die nur klapprige Fiats fahren und deren Frauen großbrüstige Mammas sind, deren fettes Essen trotzdem nicht hilft, aus dem kleinen Luigi einen starken Mann zu machen. Wie tief will man noch sinken? Aber angesichts des Biotops lauter wehender Fahnen kriechen die nationalen Grottenolme wieder unter ihren Steinen hervor, wähnen sich im Nationalwahn. Vermutlich nicht nur in Deutschland.

Genau deshalb werde ich dieses ungute Gefühl niemals ganz los, wenn Massen beginnen, Symbole aus ihren Fenstern zu hängen, die keine andere Bedeutung haben, als Mitläufertum zu signalisieren. Die keinen anderen Zweck haben, als zu zeigen, ich bin auch einer von euch und keiner von den anderen. Deshalb schmiere ich mir keine Farbe ins Gesicht, hänge keine Flagge aus meinem Fenster. Ich nehme es lieber als das, was es ist : Sport. Ich zittere mit den beiden Polen und Gerald Asamoah, die “uns” die Tore sichern, genauso wie mit dem Magdeburger Markus Beyer, wenn er mal wieder “angeklingelt” ist. Ein KO-Sieg vom Ukrainer Vladimir Klitschko ist genauso erfreulich wie ein WM-Sieg der deutschen Elf, und wenn England gegen die unfairen Portugiesen rausfliegt, dann ist das ärgerlich, auch wenn Suffköppe „ten german bombers“ singen.

Eigentlich ist es ganz simpel: Wir sollten einem Spiel, in welchem zweiundzwanzig uns völlig unbekannte Männer nach einem Ball treten nicht mehr Bedeutung beimessen, als es tatsächlich verdient hat.

9 Gedanken zu “Flaggenparade

  1. Ganz ehrlich? Ein bisschen mehr Lockerheit täte dir mal bei diesem Thema gut!

    Sie es doch auch mal ohne den ganzen Rest-Gedanken-Ballast!!!

    Ja, es ist „nur eine große Party“…
    Ja, es sind viele, die einfach mitlaufen…
    Ja, es wird einfach mal gefeiert…

    Weißt du, ich sehs auch mal anders… und ja, ich hätte gerne auch ne Fahne für mein Auto gehabt!

    Wieso? Weil es auch mal SCHÖN ist, dass gerade hier zu Lande nicht alles nur negativ, pessimistisch und schwarz gemalt wird.

    Was ist so schlimm an der Freude über das Erreichte? An der Freude etwas schaffen zu können?
    …was vorher kaum einer glauben wollte!!!

    Und, ja… mach dich locker 😉 selbst die Fahnenschwenker INTEGRIEREN !

    Ich habe selbst schon mit genug ausländischen Mitbürgern zusammen feiern können, die sich alle darüber freuten und die Deutschlandfahne dabei hatten…
    Klischee? Ach, da waren noch die ganzen 3er-BMWs… aber die hatten eben so viel Spaß ;-))

    Fazit?
    Mach dich locker… kneif die Augen nicht so zusammen und runzel nicht die Stirn so tief in Falten, denn…

    wenn Fußball eines nicht ist, dann „nur Sport“!
    Du wirst weltweit NICHTS finden, das mehr Anhänger hat 🙂

    Lehn dich zurück und genieße ein bisschen… und mal dir mal heimlich eine Flagge auf deine Wange *g*

    Die „Glatzen“ stehen da vorallem draußen rum, um den Spielverderber zu geben… und einen gewissen Erfolg sehe ich da bei dir!

  2. Moin Batti!

    Und um Glatzen geht es mir ja gar nicht, die habe ich bewusst herausgelassen. Wie gesagt: die schwenken eh‘ ganz andere Flaggen und gröhlen ihre Parolen mehr oder weniger regelmäßig auch bei Regionalligaspielen. Aber Nationalismus ist nicht allein Sache der Glatzen. Auch aus der „Mitte“ hört man wieder allerlei Nationalistisches.

    Schwarzmalen gehört zur Demokratie dazu und ich bin in Tagen, wo Ballacks Wade und der Schlag Torsten Frings‘ die Tagesnachrichten bestimmen, für jede gerunzelte Stirn dankbar. Nicht umsonst presst die große Koalition übertüncht von der WM-Hochstimmung gerade das durch den Bundestag, was man in zwei Sätzen [url=http://www.spreeblick.com/2006/07/04/fassen-wir-mal-zusammen/]bei Johnny[/url] zusammengefasst findet. Schwarzmaler waren schon immer verhasst, was aber nichts daran ändert, dass Schwarz nun mal ins Farbspektrum gehört. (Jaja, Schwarz ist keine Farbe…;-))

    Und zu den 3er-BMWs: Da kommen wir schon zur Gretchenfrage. Waren das überhaupt „Ausländer“? Ich sehe hier gegenüber im Hochhaus auch immer die jungen „Türken“ mit Deutschlandflagge – aber sind das nun Türken oder Deutsche? Und gehören die jetzt wirklich dazu, nur weil die ’ne schwarz-rot-goldene Fahne wedeln? Für ’ne halbe Nacht? Und dann? Zurück ins abgewrackte Hochhaus, und beim nächsten Bewerbungsgespräch sind sie wieder Türken?

    Natürlich freue ich mich auch tierisch über einen Sieg, und klar kann man den auch feiern, aber (für mich) ohne nationalen Impetus.

    Vielleicht können wir uns grob auf einen gemeinsamen Nenner einigen, den Rene [url=http://www.nerdcore.de/wp/2006/07/04/landesfarben-und-sowas/]hier formuliert hat[/url]. Ich finde, das passt in etwa. Fahnenschwenken als Zeichen für die Unterstützung einer Mannschaft kann ich akzeptieren, Fahnenschwenken als Zeichen für ein abstraktes nationales (oder patriotisches – ich mache da keinen Unterschied) Wir-Gefühl ist für mich persönlich ein absolutes no-no.

    Ich kann mir nicht helfen, für so’ne Flagge am Auto oder am Haus müsste ich über einen verdammt großen Schatten springen. Das ist nichts, womit ich mich wohlfühlen würde.

    Und bevor das mißverstanden wird: Ich bin nicht „antinational“, sondern in gewisser Hinsicht sogar stolz auf Deutschland, aber nicht wegen seines Fußballteams oder seiner tollen Flagge.

  3. Ich muss sagen, dass mir der Artikel gefällt. Unter dem Deckmantel des „Hurrapatriotismus“ geschieht ein Haufen Scheiße, Vorurteile werden gepflegt, Steuern erhöht, Ausländer verhasst. Die Abgrenzung zwischen „Hurra, ich bin dabei“ und „Du bist ein blöder Spielverderber“ ist das, was Sorgen macht. Diese Euphorie wird keinen neuen Patriotismus bringen (zum Glück), also sollte man sie als das sehen, was es ist: Unsinnig…

  4. „Hurrapatriotismus“ finde ich noch ein bisschen stark, ich denke, die „Lager“ sind recht ausgewogen. Es verwirrt mich nur, wie schnell die Leute auf einmal mit dabei sind.

    Ich meine: Wenn der 1.FC Köln (Klitschko, Olympia, Eishockey-WM) spielt hänge ich auch keinen Geißbock aus meinem Fenster – wieso sollte ich das dann bei der Nationalelf machen?

    (Negative/positive) Effekte würde ich eher latent verorten, wie oben im Kontext Sozialpsychologie erwähnt. Man fühlt sich dann eben wieder stärker als „Deutscher“. Da müssen gar keine großen Ausschreitungen stattfinden, oder Patriotismus-Debatten entflammen. Ich muss in dem Zusammenhang mal Werbung für [url=http://www.buch24.de/1070-0/3-860482-1.html]Mackie&Smith[/url] machen. Die haben eine hochinteressante Metastudie zur Sozialpsychologie heruasgegeben, sprich: die sammeln Ergebnisse verschiedener soz.-psych. Feld- und Laborstudien. Kann man fast drin schmökern… 😉

  5. Bringt ihr hier nicht Sachen durcheinander?

    Die „Fahnenschwenker“ sind NICHT die, die jetzt „Gesetze durchdrücken“!!! 😉

    Erstere feiern ein Ereignis, die Letzteren nutzen WIE ÜBLICH die Situation – doch glaube ich nicht, dass das ohne WM nicht ebenso gekommen wäre.

    Von daher empfinde ich schon auch eine Art Respekt für Erstere, denn das sind nicht nur die mit dem Fahnenmast im Garten, sondern auch all die anderen „normalen!!!
    Und die anderen? An die glaube ich eh nicht mehr…

  6. Also ausnahmsweise hatte ich die Politik nur in Bezug auf das Schwarzsehen ins Boot geholt. Obwohl ich Frau Merkel für ihr Timing bewundern muss. Deutschland raus – und gerade eben so alle Ekligkeiten durchbekommen.

    1:0 für Merkel.

  7. @SoWhy, jaja, wenn ich mir die Sachen lange genug verdrehe, dann stimmt das schon… Fahnenschwenker = Politiker… 🙁

    Das meine ich eben. Bei „euch“ Bloggern gibts genug „Wortverdreher“ und „Zuvieldenker“… 😉

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