Attentat. Joghurt.

Es ist gerade ein wenig zum Verzweifeln und ich glaube ein wenig, mich zu fühlen wie der Leher in Ödön von Horvaths „Jugend ohne Gott“. Die jungen Menschen, mit denen ich beruflich Kontakt habe, sind der Überzeugung, jeder solle immer seine Meinung kundtun dürfen – und ob das moralisch oder ethisch korrekt oder schlicht zur Meinungsmache erstunken und erlogen ist, joa mei, das könne ja heutzutage jeder im Netz überprüfen – aber bloß Obacht vor der Systempresse, die sei nämlich links unterwandert. Obendrauf höre ich dann im nahen und nächsten Umfeld immer lauter, dass diese Ausländer, Flüchtlinge, Asylanten ja so furchtbar viele wäre, man sich kaum noch auf die Straße wagen könne und früher ja alles besser gewesen sei. Ich lächele dann meist freundlich und entgegne, dass mir das nicht so vorkommt und es uns doch eigentlich verdammt gut geht. Ungläubige Kuhblicke. Aber die Asylanten! Kurz: Ich kann gerade gar nicht so viel essen, wie ich kotzen muss.

Und dann fährt wieder ein Vollidiot mit einem Auto in eine Menschenmenge, tötet arglose Menschen und erschießt sich selbst. Da habe ich kurz die Suchfunktion von Twitter bemüht, die funktioniert auch ohne Account. Und – wie zu erwarten – wurde sofort und ohne genauere Informationen abzuwarten die unterste Schublade aufgetan mit maßlosem Gehetze gegen Merkel, Flüchtlinge und alles Linksgrünversiffte. Stand 20.05 Uhr: Es war ein Deutscher aus dem Sauerland (welch Ironie, wenn das wahr wäre!). Und während ich gerade auf Twitter schaue, was man nun aus diesem Twist wieder macht, wird mir wieder klar, warum ich diese Asi-Netzwerke meiden will.

Zu Erfreulicherem:

Joghurt.

Bin per Spotify auf einen  g r an d i o s e n  Podcast gestoßen. Genau genommen wird der von Spotify produziert und sollte eigentlich auch gar nicht Podcast genannt werden, weil man ihn ja nur über Spotify hören kann. Und das dummerweise auch nur auf dem Handy, mein iPad zeigt bedauernswerter- und unverständlicherweise keine Spotify-Podcasts an.

Wie auch immer: Der Podcast heißt „Talk-o-mat“. Das Konzept sieht vor, dass zwei prominente Gäste mit verbundenen Augen einander im Aufnahmeraum gegenübersitzen und ein ca. fünfdundvierzigminütiges Gespräch führen sollen. Erst mit Beginn der Aufzeichnung dürfen sie die Binde abnehmen und sich sehen. Dann haben sie kurz Gelegenheit, sich auf ihr Gegenüber einzurichten, bis der „Talk-O-Mat“ immer wieder neue Gesprächsthemen vorgibt. Das Ganze macht süchtig. Bis auf eine Gesprächspartnerkombination fand ich bislang alle mehr als unterhaltsam und das Konzept alleine ist schon preisverdächtig. Wenn dann noch die richtigen Gäste aufeinandertreffen, ist es ein Fest für die Ohren. Fantastisch wie Sido auf Shahak Shapira trifft und die Welten, in denen beide leben, kaum unterschiedlicher sein könnten oder Max Raabe der mir bis heute unbekannten Visa Vie begegnet – die im Gespräch dann selbst durch fantastische Fragekunst glänzt.

Kann ich nur empfehlen. Ich habe binnen zwei Tagen alle Folgen durchgehört.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.