Der Radiobus

Es gibt da diese gewisse Grenze, dieses Limit, dieses letzte Ende. Sobald das menschliche Ohr über dieses Maß hinaus beansprucht wird, dann ballt es sich einfach zusammen wie eine Faust und macht dicht. Das ist ein Schutzmechanismus, eine Art biologischer Limiter, um das Gehör zu schonen. Eine prima Sache.

Es mögen findige Marketingfritzen gewesen sein, vielleicht auch Chefs mit massig Kreativüberschuss oder auch die Sekretärin beim Nägellackieren. Egal, auf jeden Fall ist irgend jemand Schuld, denn irgend jemand hat ihn erfunden: den Radiobus!

Der Radiobus, Maschine gewordener Auswurf der Spaßgesellschaft, dudelbefunkter Quasimodo unter den ÖPNV. Sahnehäubchen im Folterkasten der Stadtwerke im Zeitalter moderner Massenmenschhaltung.

Auf den ersten Blick scheint die Idee gar nicht übel. Unter den Bussitzen im Radiobus sind kleine Kästchen angebracht, in die jeder für sich seine Kopfhörer einstöpseln und die Lautstärke regeln kann. Nun gut, man sollte schon aufpasssen, dass der Sitznachbar sich nicht in den Kabeln verheddert und einem die Ohren abreißt, wenn er sich nach draußen begeben will, aber wir sind ja alle gut versichert. Dadeldideldudeldei also nur für die, die sich Kopfhörer mitbringen, der Rest darf dem monotonen Motorengeräusch des Busses lauschen.

Denkste. Irgendein Spatzenhirn mit Entscheidungsbefugnis hat durchgesetzt, dass der Radiobus propper Böxchen eingebaut bekommt, aus denen während der ganzen Fahrt bei propper Lautstärke Radio Bielefeld quäken muss. Schon vor Unzeiten hatte ich mich über die Allgegenwärtigkeit von Britney Spears au…au… ausgelassen, alleine das treibt geistig gesunde Menschen schon in den Wahnsinn. Was die Busdesigner aber in keiner Weise beachtet haben, ist, dass in einem öffentlichen Bus nicht nur andächtig lauschende Menschen sitzen, die wie brave Kirchenbesucher mit gefalteten Händenen und offenen Mündern Shakiras Geknödel ihr Ohr schenken, sondern dass sich genausogut grunzende Opas, plärrende Kinder, keifende Mütter, singende Trinker und pöbelnde Schüler in Bielfelds öffentlichen Bussen tummeln.

Selbst für hartnäckige Atheisten ist es die Wahrheit gewordene Hölle, zur Rechten das Ohr von einem kreischenden Balg bespuckt zu bekommen, während von rechts vorne die dazugehörige Mutter vornübergebeugt liebevoll gewählte Worte zurückschreit. Links imitiert ein Halbstarker mit rotzendem Maschinengewehr den letzten Actionfilm, nachdem sein Kumpel mit massivem körperlichen Einsatz des ihm zur Verfügung stehenden üppigen Resonanzraumes lautstark die brachiale Bombe gegeben hat. Von hinten klickt aus undefinierbarer Richtung ein Schlagzeug aus Kopfhörern herüber. Dazwischen die hydraulisch aufzischenden Bustüren mit dem dazugehörigen Warnpiepen. Rütteln an der geschlossenen Tür. Die Scheiben vibrieren unter einer wütenden Faust. Haltlose Flüche dringen durch die Buswände, die Tür zischt wieder auf und ein zerzauster Rüpel mit Cowboystiefeln trampelt herein. Eine Fluchkanondade dröhnt über den gelassenen Busfahrer. Von oben zerhackt Shakira lalai lalai meine Nerven und draußen blökt Protestgehupe, weil die Bombe mit fettem Lachen allen den Stinkefinger zeigt. Auftritt der immer freundlichen, aber bestimmten Stimme der automatischen Ansage: Nächster Halt Bethel. Ausstieg rechts. Hinten steigt ein bis zur Kante abgefüllter, volksliedskandierender Stadtstreicher ein und meine Ohren tanzen unterdessen mit Ricky Martin Samba. Un, dos, tres… von hinten hagelt Protest, weil eine Oma mit Rollator in der Tür steckenbleibt und mit erstaunlichem Organ Zeter und Mordio verkündet. Feuriges Lamento vom Pärchen hinter mir. Er geifert, sie giftet. Die Tassen seines Oberstübchens werden von spitzer Stimme klirrend zurechtgerückt, sein Gemecker von DJ Ötzi verschluckt. Mc Doonalds Mc Doonalds Das Balg neben mir hat das Spucken drangegeben und bollert nun mit schwingenden Schenkeln gegen die hohle Unterverkleidung seines Sitzes, nicht ohne seiner grantelnden Mutter ab und an vor’s Schienenbein zu treten, was unverzüglich einen bösartig geräusperten Grunzlaut nach sich zieht. Beim vierten Tritt wirds ihr zuviel, knallend schallt die Ohrfeige durch den Bus, die Mutter schnaubt, das Kind heult, ’ne Oma protestiert, der Cowboy johlt, die Bombe fällt rumpelnd über eine Einkaufstüte, der Stadtstreicher jodelt und aus dem Radio grient der Moderator launig: "Keine Staus bis jetzt, ich wünsche ihnen eine angenehme Fahrt."

Peng! Aus. Vorbei. Limiter an. Overkill. Ruhe. Radiobus ausgeknipst. Wenn die es nicht machen, dann eben meine Ohren.

Frieden.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.