Keller

Gestern war die Eröffnung und meine Frau hatte sich schon seit Monaten darauf gefreut! Darauf, dass sich endlich die Tore zu den Katakomben öffnen und Hokey damit beginnt, den überfüllten Keller auszumisten. Und unser tapfrer Recke erledigte diese herkulische Aufgabe tatsächlich (gemeinsam mit seiner Hebe) noch vor dem Frühstück…

Ich spare mir jetzt den Sermon über staubige Kisten, muffigen Inhalt, vergessene Bücher, gammlige Knieschoner, ruhmbeladene Basketbälle, alte Fotos und überflüssige Möbelstücke. Ich schweige über leere Kartons, sehnsüchtig wartende Farbeimer und ungeliebte Geschenke, rede nicht von dem der Zeit trotzenden Weihnachtsschmuck und würdige auch die obdachlosen Weberknechte mit keinem Wort.

Schlussendlich landete der ganze Krempel dann ja doch auf dem Sperrmüll bzw. zu Teilen im aufgemotzten Honda Civic meiner Schwägerin zwecks Abtransport zum Wertstoffhof. Doch japanische Reisschüsseln eignen sich so gut wie gar nicht für deutsche Ausmistaktionen, geschweige denn für Umzüge. Wo japanische Schlichtheit auskommen mag und der Japaner an sich ja bekanntermaßen ein geduldiger Zeitgenosse ist, da verliert der deutsche Herkules schnell die Nerven.

Der Kofferraum des besagten Gefährts öffnet sich nämlich wie eine Muschel in zwei Teilen. Der eine klappt nach oben, während der andere sich dem Boden entgegenneigt. Was auf den ersten Blick ein nettes Gimmick zu sein scheint, entpuppt sich beim Beladen des fahrbaren Untersatzes mit schwereren Gegenständen als pure Schikane. Denn wenn der schwitzende und keuchende Herakles sich mit seiner schweren Kiste dem Kofferraum nähert, stößt er schon etwa 15cm vor dem eigentlichen Kofferrraum mit den Beinen auf das Ausklapphindernis und muss sich mit der schweren Last unnötig weit vorbeugen, um diese im angestrebten Stauraum zu versenken. Das macht auch dem Halbgötterrücken keinen Spaß. Japaner scheinen übrigens auch nichts auf der Rückbank des Autos verstauen zu wollen, aber auch diese Geschichte muss unerzählt bleiben.

Letztlich hatten wir die Fäkalien unseres Augiasstalls doch glücklich in der Rikscha aus Nippon untergebracht und machten uns auf den Weg zum Wertstoffhof. Als ob sie uns verhöhnen wollten, hatten einige Autofahrer hämischerweise plakativ Deutschland-Fähnchen an ihren Seitenfenstern angebracht. Das hatten wir nicht erwartet und wünschten uns ganz schnell die untergehende Sonne herbei.

Zuletzt erreichten wir verspottet aber unbeschadet den Wertstoffhof, dessen gesalzene Preisliste uns den Atem verschlug, aber mutig kämpften wir uns an grobschlächtigen Containern vorbei ins Zentrum, vor ein kleines Büdchen, wo der Wertstoffmeister Wache hielt. Dieser knöpfte uns fernab von Preislisten eine geringe Gebühr ab und verwies uns zum Misthaufen ins hinterste Eck des Hofes, neben welchen wir unseren Müll deponieren sollten. Den Misthaufen als Polarstern am Horizont setzten wir uns in Fahrt und parkten im Angesicht einer ausrangierten pastellfarbenen Couchgarnitour.

MisthaufenUnd dort auf dem Boden vor dem dampfenden Misthaufen: Eine gebundene Sammelausgabe “The illustrated Stratford. Shakespeare.” von 1982. Scheinbar ungelesen, die Seiten leicht vergilbt, aber keine Eselsohren, der Schutzumschlag fast makellos, unbeschädigt. Das Innere hübsch aufgemacht, mit Bildchen, Schnörkeln und allen Dramen und Gedichten. Ein unheiliger Augias musste es dort, fernab von der sicheren Pastellcouch, dem stinkenden Misthaufen geweiht haben. Zeus sei dank, dass Herakles gestern Heldendienst verrichten musste…

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