Im braunen Glashaus

Mit geblähten Nüstern bekreischen sie jetzt die Offenbarung Grass'. "Das Ende einer moralischen Instanz", "Nobelpreis aberkennen", krakeelen besonders laut die Springers. Die Worte des Günter Grass sind genauso wenig falsch wie seine Werte, unabhängig davon, an wen er wann einmal geglaubt haben mag, ebensowenig, wie seine Literatur schlechter wird, weil er, ohne einen Schuss abgegeben zu haben, bei der Waffen-SS gedient hat.

So langsam kenne ich Euch, Bluthunde. Kreischen, um der Schlagzeile willen. Vernichten, um des Vernichtens willen. Und Ihr fragt Euch, warum Grass so lange gewartet hat? Prangert den Moralisten Grass an, die Ihr schon lange keine Moral mehr kennt? Diagnostiziert vom bequemen Schreibtisch aus "NS-geprägten unverarbeiteten Hass" (Link am Ende), in einem so hassversabberten Artikel, wie ich ihn schon lange nicht mehr gelesen habe? 

Ausgerechnet aus Euren Blättern trieft jeden Tag aufs Neue ein Extrakt genau der feindseligen braunen Soße, die ein Mann wie Günter Grass schon lange hinter sich gelassen hat. Ausgerechnet aus Eurem bräunlichen Sumpf brüllt man jetzt die lauteste Anklage? Heuchler, die ihr seid, werft ihr wuchtvoll mit Genuß dicke Steine ins eigene Glashaus.

Nachtrag
Wie so oft: Schöner Beitrag und Diskussion bei Metalust & Subdiskurse

(http://www.welt.de/data/2006/08/14/996732.html)

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5 Gedanken zu “Im braunen Glashaus

  1. Ich wollte eine eloquente Rede halten, über die miesen Empörungen, die Günther Grass jetzt entgegenschallen, über all die Heuchler, die aufgrund einer winzigen Änderung in der Grass’schen Biografie dessen ganzes Lebenswerk in Frage stellen. Doch das

  2. das wirklich traurige ist ja, das sie nun alle so tun als wäre er ein absoluter unmensch. dabei ist er noch immer der gleiche wie eh und je.
    und mal ganz ehrlich: was jemand mit 16 oder 17 für überzeugungen hatte, das kann man eindeutig und jugendsünden verbuchen. wer sowas nicht einsieht, der traut menschen keine entwicklung zu und ist überaus kurzsichtig. dürften aber sicherlich (zumindest in teilen) die gleichen menschen sein, die dem joschka dauernd seine jugendsünden vorgehalten haben.

  3. Das sehe ich (oh Wunder ;-)) ganz genauso. In der „Welt“ mißbilligt man ihm geschickterweise auch nicht seine Waffen-SS-Vergangenheit, sondern entdeckt plötzlich in seinem „moralischen Rigorismus“ Restbestände seiner „NS-Prägung“. Pffff… irgendwie kann man sich alles zurecht drehen, wenn man nur will. Irgendwo findet man schon etwas, dass sich auf Nazi trimmen lässt.

  4. Hm,

    ich kenne es von meinem Großvater, der hatte die Alternative entweder mit oder gegen die Partei, was für ihn als Angestellter der Rüstungsbranche damals wahrscheinlich einen unfreiwilligen Besuch in einem der Internierungslager bedeutet hätte.

    Leider hatte ich selbst nie die Möglichkeit mit Zeitzeugen meiner Familie eingehende Gesrpäche darüber zu führen, weil sie entweder zu jung oder schon tot waren, als ich alt genug dazu war.

    Dennoch denke ich, wären die meisten von uns in diese Zeit wahrscheinlich auch mit der Masse geschwommen um das eigene Leben zu schützen.

    Schade, dass nun das gesamte Leben/Werken eines Menschen dadurch „zu nichte gemacht“ wird.

    LG Stulle

  5. Und es sind die Leute, die Grass seinen Ruhm und Erfolg schon immer missgönnt haben. Und jetzt einen Vorwand gefunden haben, es rauszulassen. BILD hat ja z.B. einen tollen „Aufstand gegen Grass“ erfunden obwohl es keine Änderung bei Grass gab.

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