Slow Blogging

„Slow Blogging“ nennt Andreaffm das, was mir nie so recht gelingen will. Meist kloppe ich Beiträge sofort in die Tastatur, manchmal weiß ich gar nicht, was ich schreiben soll. So liest es sich dann auch. Früher, ja, da war ich manchmal sauer und aufgebracht beim Schreiben, da lief das besser, da diktierte mir wenigstens der Ärger die Beiträge über dummsäuselige Politiker; da lebte noch der Glaube an die neue Öffentlichkeit.

Langsamkeit, das wär mal was. Der Mensch2.0 hetzt heute von einem Gadget zum nächsten, checkt den Feedreader, bevor er schnell was abtwittert, ebendort nach Antworten sucht und überprüft, ob da irgendwo ein ungehörter Podcast schlummert oder ein must-have-seen Youtube-Video wartet. Jeden Tag aufs Neue stößt er auf einen Hinweis für ein neues, obercooles Web2.0-Tool, mit dem man stylische Wordwolken aus aggregierten Twitter-Podcast-Blog-Beiträgen matschen mashen kann, die für das neueste Stöckchen unbedingt bis 12 Uhr mittags eingebunden sein müssen, damit ihn nicht der Teufel holt!

Verschenkte Zeit, verlorenes Leben. Jeden Tag erwachsen dem Web2.0 neue Charybdis‘, die dich mit Macht in ihren Abgrund saugen wollen. Community nennt man sie, Netzwerke. Sie machen dich wahnsinnig, bis du nur noch herumnetzwerkst, antwortest, auf Antwort wartest, dich einbringen musst, lesen musst. Lesen, lesen, lesen. Schnell, schnell, schnell. Kleine Bröckchen, Kotzwürfelchen, die zu tausenden auf dem brodelnden Wasser schwimmen und die dir in den Mund schwappen, sobald du dich hineinbegibst, die dich zurückspeien lassen, bloß nichts verdauen. Rein und raus, rein und raus, rein, raus, reinrausreinrausreinraus.

Scheiß‘ auf die Rechtschreibung, scheiß‘ auf Stil, schreib alles klein, schreib alles falsch, erfinde Akronyme, Text muss nicht schön sein, Text muss funzen; ordne dich dem Schnell-Schnell der Masse unter, schwimme mit dem Strom, beschäme niemanden durch deine Überkorrektheit, lies bloß nicht laut, was du hingesaut hast, es könnte nach Überarbeitung schreien. Kotz‘ es einfach raus, kotz einfach mit! 140 Zeichen pro Beitrag müssen reichen, schreib‘ einfach irgendwas, vertändel deine Zeit nicht mit Nachdenken. Frag nicht, was die Web2.0-Tools für dich tun können, tu was mit den Web2.0-Tools!

Danke an Andrea für den Hinweis. Ich denke, ich habe ein neues Blog in meinem Feedreader.

3 Gedanken zu “Slow Blogging

  1. Leuchtet mir ein. Meine langsam gebloggten Beiträg gefallen mir auch besser. Langsam heißt oft lang, kann aber auch kurz sein. Will ich in Zukunft öfter machen. Danke für die Erinnerung.

  2. Da ich all das, was du als hektische Fatalitäten aufzählst, sowieso nicht mache und nie gemacht habe, und ich mich auch demnächst nicht dafür interessieren werde, blogge ich einfach weiter wie gehabt. Nur dass meine Artikel gewöhnlich auch nicht wirklich lang sind.

    Das heißt bei mir nicht mal „Slow Blogging“, weil es einfach der Normalzustand ist, und der heißt bei mir „Bloggen“.

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