In Wahrheit niemandes Präsident

Wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, diese Sache mit Gauck: Man hätte 30 Tage Zeit gehabt, einen geeigneten Kandidaten zu finden. Trotzdem zieht man binnen kürzester Zeit ausgerechnet Joachim Gauck aus dem Hut, den, der besonders der Bundeskanzlerin täglich vor Augen führen muss, dass die SPD vor anderthalb Jahren den besseren Kandidaten aufgestellt hatte. Gleichzeitig macht sie den Kotau vor dem blassen Vorsitzenden einer herabgewirtschafteten 3%-Partei, die ihrerseits Gauck nur als Mittel zum Zweck missbraucht, die Kanzlerin mit einem Koalitionsbruch zu erpressen. SPD und Grüne feixen sich eins, schließlich ist ihr taktisches Kalkül mit Verspätung doch noch aufgegangen – ob Gauck aber wirklich der Präsidentschaftskandidat ihrer Wahl ist, ist umstritten. Und die Linke kann mit Gauck schon gar nichts anfangen.

Was uns als Bürgern bleibt, ist die Folgerung, dass Gauck in parteipolitischer Hinsicht in Wahrheit niemandes Präsident ist. Was kein schlechtes Zeichen sein muss. Was mir an Gauck gefällt, ist, dass er den Eindruck macht, dass er wirklich Lust auf diese Aufgabe hat und sie augenscheinlich nicht bloß als logischen Schritt seiner Karriereleiter betrachtet. Wie er die Präsidentschaft inhaltlich gestaltet, das bleibt abzuwarten. Einige Blogger und Twitterer beschreien schon den Untergang des Abendlandes. Ich denke, wir sollten einfach einmal in Ruhe abwarten, was da kommen wird.

3 Gedanken zu “In Wahrheit niemandes Präsident

  1. Ich denke, Gauck ist schon keine schlechte Wahl. Ich traue ihm zu, eine gute Repräsentationsfigur zu werden.

    Was da in der krümelsuchenden Bloggerei und dem völlig witzfreien Twitter zur Zeit gegen Gauck abgesondert wird, muss, glaube ich, niemanden wirklich ernsthaft interessieren. Das wird allgemein überschätzt. Netzwerkleitungen sind geduldig wie Papier.

  2. Zu einem guten Verhältnis zwischen CDU und FDP wird die Aktion sicher nicht beitragen, aber Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Wenn Merkel vorausschauend agiert, wird sie versuchen, die Grünen ins Boot zu holen und die FDP in ihren Umfragewerten absaufen zu lassen. Aber die FDP soll ruhig noch eine Weile aktiv regieren müssen – solange kann sie nicht mit populistischem Geschrei Zustimmung sammeln, sondern muss weiter im Tal der Tränen der Realpolitik darben.

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