Zum ersten Mal im familiären Kreise eine Jugendweihe besucht. Diese kollidierte leider mit einer runden Geburtstagsfeier, die ich gerne besucht hätte, aber Familie geht vor. Doch schon das permanente Absagen (bei Geschenkegruppen, den Geburtstagskindern) führte dazu, dass ich feststellen musste, dass die Jugendweihe in Ostdeutschland offensichtlich immer noch eine ganz feste Tradition ist. Jeder in den östlichen Bundesländern aufgewachsene Mensch, egal ob weit vor oder weit nach 1989, berichtete mir von seiner tollen Jugendweihe. Für mich war das bislang eine reine DDR-Tradition gewesen, mit der man etablierte kirchliche Gebräuche aus den Köpfen der Menschen verdrängen wollte. Und warum sollte man der noch folgen? Aber die Frage ist natürlich vielmehr: Warum sollte man sie nicht weiter aufrecht erhalten?
Dabei ist die Jugendweihe durchaus keine DDR-Erfindung, wie ich dann auf meiner Recherche lernen konnte: Schon in den 1850er-Jahren soll sie von freireligiösen Bewegungen entwickelt worden und später auch von der Arbeiterbewegung übernommen worden sein (Wikipedia). Jedoch hatte die Jugendweihe in dieser Phase nicht das Potenzial, ihren religiösen Gegenstücken den Rang abzulaufen: In der Weimarer Republik feierten nach wie vor über 95% der Jugendlichen die etablierten religiösen Initiationsriten.
Das änderte sich dann erst unter dem Druck der DDR, die die Jugendweihe als explizites Instrument zur Schwächung der Kirchen nutzte und gegen den harten Widerstand dieser die Jugendweihe etablierte: Wer sich dieser entzog, hatte zukünftig mit Nachteilen zu rechnen. Guter alter DDR-Style eben. Und so verloren Firmung und Konfirmation im Laufe der Jahrzehnte an Bedeutung und waren am Ende nahezu ganz vergessen.
Und so finde ich mich auf dem Gelände einer Bundeswehrkaserne in Strausberg wieder und beobachte eine säkulare Jugendweihe. Und das ist wirklich nett: Eine Band spielt zwischen der Beglückwünschung der Jugendlichen moderne Musik, eine Laien-Tanzgruppe interpretiert tänzerisch Verhaltensweisen wie das Handy-Gucken und mir unbekannte Ost-Größen (Moderatoren, Sportler) geben den Kindern in filmischen Einspielern ihre Sicht aufs Erwachsenwerden mit („Kotzt nicht ins Waschbecken! Tätowiert niemals euer Gesicht!“). Interessant ist es, zu beobachten, wie unterschiedlich die jungen Menschen sich der Weihe modisch nähern: Keiner gleichgültig, aber manche recht leger mit Jeans und weißem Hemd, andere hingegen im Ballkleid oder im vollständigen Anzug mit Krawatte. Mitbestimmender Faktor scheint dabei die Schulklasse zu sein; organisiert wird die Jugendweihe anscheinend von den Elternvertretern der Klassen. Den Rest des Tages organisiert die Familie dann selbst und bei uns gab es dann ein Mittagessen, Kaffee und Kuchen, eine Geschenkübergabe sowie einen gemeinsamen Ausklang auf der Bowlingbahn. Überraschend war es, zu sehen, wie ernst diese Weihe genommen wird: In meiner Wahrnehmung fehlte ja der religiöse Unterbau, der allem noch einmal Bedeutung in die Zukunft hinein verleiht. Eine christliche Weihe verschreibt das nun erwachsen werdende Leben ja dem Streben nach Erlösung von den Sünden, einem Leben mit Gott und gemäß christlichen Werten – diese durchaus ernsten Aspekte fehlen bei einer säkularen Feier. Und dennoch war das für alle Teilnehmer – so mein Eindruck – nicht bloß eine Gelegenheit zum Geschenkeverteilen und Kaffeetrinken, sondern ein ernster Schritt ins Erwachsenwerden. Diejenigen, die mittlerweile in westdeutschen Bundesländern wohnen, suchen auch aktiv Vereine, die eine Jugendweihe etwa in Bayern ermöglichen.
Gleichzeitig war es faszinierend zu sehen, dass ein Umbau selbst lange und tief etablierter religiöser Traditionen mit staatlicher Gewalt in recht kurzer Zeit so gründlich funktioniert. Ich hatte mir eingebildet, religiöse Traditionen wären tief und fest im kollektiven Bewusstsein verankert und prinzipiell nicht ersetzbar. Aber vielleicht braucht es gar keinen religiösen Unterbau, solange das Ritual selbst bleibt. Das ist gleichzeitig beruhigend und beängstigend.
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