Isch 'abe gar kein Untertitel...

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9.5.

Alle Welt rätselt und spekuliert, was Putin wohl am 9. Mai vorhaben könnte, welche Eskalationsstufe er nun wählen wird, ob er nun die Generalmobilmachung ausruft, allen den dritten Weltkrieg erklärt oder gleich mit Atomraketen um sich schießt!

Mein Tipp: Vermutlich passiert gar nix. In Russland wird gefeiert, man spricht über die erfolgreiche „Spezialoperation“, wütet gegen „drogenabhängige Nazis“ und ignoriert schlicht das ganze Geheische auf dem Rest des Planeten. Um dann, drei Tage später, die nächste Eskalationsstufe zu zünden.

Man will sich ja nicht von der CIA den Zeitplan vorhersagen lassen, wie schon beim Angriff auf die Ukraine.

Da geht er hin…

Da geht er hin, der Pluralismus. Nach all den Jahren des gegenseitigen Anschreiens, ob im Netz oder auf Wutbürger-Demos, sind wir nun soweit, dass wir arrivierte und philanthropische Mitglieder unserer Gesellschaft als „fünfte Kolonne Putins“, „feige“, „erbärmlich“ oder „opportunistisch“ bezeichnen. Darunter in so unterschiedlichen Feldern aktive Menschen wie Harald Welzer, Juli Zeh, Reinhard Mey, Ranga Yogeshwar oder Jürgen Habermas, denen man ungern Wutbürgertum, Ukrainefeindlich- oder Russenfreundlichkeit oder ähnlich Defaitistisches vorwerfen mag. Die Emma hat einige Reaktionen auf ihren offenen Brief zusammengestellt.

Schön ist das nicht, dass Menschen, die sich mit ihren berechtigten Sorgen in einen wichtigen politischen Diskurs einbringen, mit effekthaschender Polemik überzogen werden. Hier die Gute, da die Bösen. Geschenkt: Diese Polemik ist an den Stammtischen, bei den Hate-Bots auf Twitter und Marie Mustermann auf Facebook zu erdulden, aber Diskursteilnehmer, die mit den oben genannten auf Augenhöhe stehen möchten, sollten einen angemessenen Tonfall und Stil wahren, ansonsten brauchen wir demnächst gar keinen putinschen Atomkrieg mehr – die Atomisierung unserer Gesellschaft besorgen wir dann ganz einfach selbst.

Man wird es ertragen können, dass Mitmenschen sich Sorgen vor einem Krieg mit Russland machen. Dass sie einen Atomschlag mehr fürchten, als einen wie auch immer gearteten Kompromiss mit Russland. Dass sie Atomdrohungen nicht als bloße Finte begreifen. Sie darum populistisch zu beschimpfen (und weil man sich gerade selbst auf dem weißen Ross des rechten Rittertums wähnt), gefällt mir nicht.

Denn ich verstehe sehr gut, dass diese Menschen es sich mit ihrer Meinung genauso wenig leicht machen wie ich.

Alle haben recht

„Ambiguitätstoleranz“ – das hatte ich mir mal auf die Fahne geschrieben, sollte mir zum geflügelten Wort werden. Und wenn nicht jetzt, wann dann? Es ist frappierend, wie schnell die Stimmung in unserer Republik so deutlich in eine pro-bellizistische umschlagen konnte und dieser Umstand lässt erahnen, dass wir es mit Urteilen über Menschen und Gesellschaften unserer Vergangenheit immer vorsichtig sein sollten. Die warnenden, vorsichtigen Stimmen bekommen in diesen Tagen heftigen Gegenwind, werden gar als „fünfte Kolonne Russlands“ beschimpft – ironischerweise im gleichen Duktus, dessen sich der russische Diktator befleißigt. Gleichzeitig setzen sich Menschen für kriegerische Aktivitäten ein, denen man das bislang nicht in dieser atemraubenden Geschwindigkeit zugetraut hätte, namentlich die Führungsriege der Grünen. Und diese gesellschaftliche Spaltung zieht sich quer durch die Bundesregierung, in der der abwartende Scholz mit seiner SPD öffentlich zur Vorsicht rät, während die kleinen Koalitionspartner gewaltig Druck aufbauen, um den Kanzler zur Lieferung schwerer Waffen zu motivieren. Wessen Haltung ist nun die richtige?

Und während in den sozialen Netzwerken Millionen kleiner Generalfeldmarschälle und Pazifisten schäumend zu wissen vorgeben, was nun der einzig richtige Weg ist, sehe ich nur Ambiguität: Alle haben recht. Mit noch mehr Waffenlieferungen wird keine Kampfhandlung gestoppt, schlimmstenfalls müssen wir uns darauf einstellen, dass der Krieg sich verschlimmert, gar auf die NATO ausweitet und schlimmstenfalls Atomwaffen zum Einsatz kommen. Gleichzeitig werden in der Ukraine alleine aus imperialistisch-nationalistischen Motiven heraus tausende Zivilisten ermordet und Städte dem Erdboden gleichgemacht. Die Planungen Putins erschöpfen sich anscheinend nicht alleine in der Eroberung des Meereszugangs über die Ostukraine, sondern erstrecken sich auch auf Gebiete in Moldau, dem Baltikum oder Polen, immer mit dem Vorschub, die bedauerliche, unterdrückte russische Bevölkerungsminderheit schützen zu müssen. Schaut man dann in die Geschichte und betrachtet die Appeasement-Politik vor dem Zweiten Weltkrieg, dann sieht man, dass diese angesichts eines fanatischen Kriegstreibers keinen Krieg verhindert hat. Es ist darum verständlich, dass deutliche wirtschaftliche, aber auch militärische Stopp-Signale gesetzt werden müssen. Dass Kiew noch steht, mag eine Folge dieser Unterstützung sein.

Wer hat nun recht? Jeder? Niemand? Wir werden es erst in Zukunft wissen.

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