Der Boss Katana 100 – das Sackmesser unter den Amps

Eigentlich eine irrationale Entscheidung. Habe mir vor einigen Wochen – nach knapp einem Jahr Marktbeobachtung – doch relativ kurzentschlossen einen Boss Katana 100 bestellt. Und da steht er nun: im unscheinbaren Schwarz, kastig, eher klein, unauffällig. Keine Röhre, nur Transistoren, dazu noch deutlich kleiner als sein langjähriger Vorgänger, der Marshall Valvestate 65R, der wenigstens mit einer Röhre aufwarten konnte.

Eigentlich unglaublich – da stand mir monatelang der Sinn nach einem echten Röhrenamp, zufälligerweise gab es von Fender auch ein tolles Angebot mit der neuen Bassbreakerserie, und dann… kaufe ich mir einen vollkommen unröhrigen Transistoramp einer Firma, die überwiegend Effektgeräte und Digitalzeugs baut?

Für den Namen „Katana“ sind natürlich die Marketing-Fuzzis verantwortlich. Das Katana ist das Schwert japanischer Samurai und sein Name soll Pate stehen für einen durchsetzungsfähigen Sound, für Kraft, für Präzision. Doch nimmt man es genau, müsste man den Katana eigentlich „Sackmesser“ nennen, denn genau das stellt er dar: Eine kompakte Rundumsorglos-Lösung, mit der man für jede Gelegenheit gewappnet ist.

Das Taschenmesser ausgeklappt

Der Katana wiegt knapp 15kg, bietet 100 Watt, einen 12″-Lautsprecher und fünf Ampcharakteristiken, die es dem Spieler erlauben von „Clean“ über „Crunch“ und „Lead“ bis hin zu „Brown“ jeweils einen Grundsound mit etwas mehr Gain (Sättigung, Verzerrung) auszuwählen. Als fünfte Variante steht noch eine Akustik-Option zur Verfügung, die nur Akustik-Gitarren vorbehalten ist und die den Vorverstärker auf akustische Gitarren ausrichtet.

Dazu bietet der Katana allen Schnickschnack, den man sich von einem modernen Amp so wünscht: eine Effektschleife, Line-Out, Headphones-Out, USB-Verbindung zum Rechner, Aux-in und Anschlüsse für Fußcontroller. In anderen Worten: da fehlt nichts. Wer seine Effekte nicht vor den Amp hängen will, kann sie einfach einschleifen; wer das Signal an andere Boxen / Mischpulte weiterleiten will, hat den Line-Out; wer auf der Bühne per Fuß den Kanal oder den Grundsound wechseln möchte, kann das machen.

Der Kopfhörerausgang ist eine Offenbarung im Vergleich zu dem des alten Marshall! Bei Letzterem war das Üben per Kopfhörer eine Qual, denn der Klang war fizzelig und platt, da damals an eine digitale Simultion von Lautsprechern nicht zu denken war. Dem Katana gelingt das wunderbar sowohl bei cleanen als auch bei verzerrten Klängen. Wenn man sich damit abfindet, dass auch auf den Kopfhörern alles nur in Mono ausgegeben wird, dann kann man per Aux-In Musik von anderen Geräten einspielen. So kann man mit dem Amp üben, ohne dass man die lieben Mitmenschen nervt.

Eine tolle Ergänzung ist auch die USB-Verbindung: Schließt man den Katana an einen PC an, so fungiert der Katan als Audio-Interface und kann direkt als Audioquelle genutzt werden. Dabei kann man sich entscheiden, ob man das bearbeitete Signal (mit Verzerrung und Effekten) oder das nackte, unbearbeitete Signal in den Computer schickt, um es später anderweitig zu bearbeiten. Grandios! Soundbeispiele folgen.

Moment, Effekte? Jawoll: Boss ist ja der Hersteller von Effektgeräten überhaupt. Warum also nicht gleich ein paar Effekte in den Amp einbauen, dachte man sich, und so hat der Katana schon 55 Bosseffekte intern eingebaut. Zwar können nur drei gleichzeitig genutzt werden, aber damit lässt sich schon eine Menge machen. Um auf die Effekte zuzugreifen, braucht man allerdings das „Boss Tonestudio“, über welches man dann per USB alle Einstellungen auch am Computer vornehmen kann.

Der Klang

Das Wichtigste sind aber nicht die vielen Features, sondern der Klang und da überzeugt der Katana. Kalte wie warme Cleansounds sind schnell über die Regler anwählbar, dynamisch reagierende Crunchsounds eröffnen die Rockwelt der 60er bis 70er-Jahre, der Lead- und Brownkanal entführen dann in die Welt ab den 80ern und modernen Sounds. Richtig metallisch wird es mit dem Katana allerdings nicht, die Charakteristik entspricht insgesamt eher marshalligen, rockigen Sphären. Doch auch wer’s böse mag, kommt mit dem Boss Tonestudio auf seine Kosten: Dort auf den Cleankanal geschaltet und als Booster das schon eingebaute „Metalzone“ oder „Metal DS“ ausgewählt und dann kann gerifft werden, bis der Arzt kommt.

Der Verstärker reagiert beim Spielen wunderbar dynamisch auf  Tonabnehmer, Anschlagsstärke und Volumenregler an der Gitarre. Klug eingerichtet, kann man so die ganze Palette von Clean bis zu heftiger Verzerrung alleine an der Gitarre regeln, ohne dafür auf Effektgeräte zurückgreifen zu müssen. Und wenn man dennoch für das Solo einen Boost braucht, stehen am Amp einige cleane und zerrende Boosteffekte zur Verfügung, die originalen und prominenten Vorbildern nachempfunden sind. Zumindest ein altes BOSS DS-1 habe ich zuhause herumstehen, und es ist im Klang für mich kein Unterschied auszumachen zwischen dem analogen DS-1 und dem digitalen Nachbau im Amp.

Die Lautstärke

Der Vorteil eines digitalen Transistoramps gegenüber der guten alten Röhre ist, dass er zwischen unglaublich leise und unglaublich laut alle Lautstärkestufen abdecken kann. Und der Katana beherrscht wirklich alle. Um dem Nutzer eine maximale Variabilität zu ermöglichen, hat Boss seinem neuesten Amp dafür einen „Attenuator“ verpasst, mit dem sich die Watt-Zahl auf 0.5 Watt, 50 Watt oder 100 Watt regeln lässt. Die kleinste Stufe eignet sich perfekt, um alle Lautstärkebedürfnisse von „leiser als leise“ bis hin zu „es wackelt im Wohnzimmerregal“ abzudecken. Wer es noch leiser als flüsterleise braucht, muss zum Kopfhörer greifen. Ab 50 Watt wird es ordentlich laut, ich würde mal behaupten, dass man damit durchaus ordentlich Proben und Gigs bestreiten kann. Ganz aufgedreht habe ich die 50 Watt noch nicht, denn es ist schon gruselig, wenn im Wohnzimmer alles zu vibrieren beginnt. Wer dann die 100 Watt voll ausnutzen will, sollte in einem großen Raum stehen, ein langes Kabel haben und einen guten Ohrschutz tragen, denn dann wird aus dem Schweizer Ziegenhirten ein waschechter Samurai. Es ist kaum in Worten auszudrücken, wie viel Lautstärke aus einem einzigen 12″-Lautsprecher herausbrechen kann. Aber gerade das macht den Katana so besonders: Er bietet die Wohnzimmertauglichkeit eines kleinen THR10 und gleichzeitig die Wucht eines THR100 – ohne dabei an komfortablen Kleinigkeiten zu sparen.

Zusammengefasst: Der Katana ist der taschenmesserhafteste Amp, den ich mir vorstellen kann. Er deckt nahezu alle Anwendungsmöglichkeiten ab: Vom stillen Üben per Kopfhörer mit externen Audioquellen bis hin zum ausgewachsenen Auftritt vor Publikum. Er nimmt akustische Gitarren ebenso gut wie elektrische. Er bietet alle Effekte, die Gitarristen so brauchen in ordentlicher Qualität und nimmt auch externe Effekte ohne Mucken. Er ist ein Audio-Interface, mit dem es sich aufnehmen lässt, nötigenfalls weitere Boxen befeuert werden können und mit seinen 15kg leicht zu transportieren. Er lässt sich analog wie digital bedienen und bietet Tüftlern und Puristen jeweils das, was sie brauchen. Die einen drehen Knöpfe, die anderen tüfteln im Tonestudio.

Der Wahnsinn ist letztlich der Preis: Ich habe meinen (B-Stock) für schlappe 277€ bekommen, das ist günstiger als ein neuer Yamaha THR 10. Bin sehr gespannt, wie sich die Katana-Reihe weiterentwickelt.

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10 Gedanken zu “Der Boss Katana 100 – das Sackmesser unter den Amps

  1. Moin, habe mir heute den Katana 100 gegönnt. Mir kommt aber der Kopfhörerausgang extrem leise vor. Ich muss Volume und Master voll aufdrehen, ansonsten ist es viel zu leise. Ist das bei dir auch so?

  2. Hi Ferris!
    Erstmal Glückwunsch zum neuen Amp! Ich bin nach wie vor begeistert, spiele aber fast ausschließlich „im Raum“, ohne Kopfhörer. Habe gerade mal getestet: Mein Master ist auf „12“, Volume auf 10 Uhr – das Ganze bei 0,5 Watt und es ist ausreichend laut. Ich erinnere mich aber grob, dass ich fürs Aufnehmen Einstellungen im Boss ToneStudio gefunden habe, mit denen man die Lautstärke generell hochdrehen konnte (aber das müssten eigentlich Einstellungen für USB gewesen sein…).

    Mal andere Kopfhörer ausprobiert?

  3. Hallo Hokey,
    nachdem mein kleiner Vox Übungsverstärker nicht so toll klingt und mir mein FAME-125-Acoustic-Amp zu schwer wurde, habe ich mir vor ein paar Wochen auch einen Katana 50 gegönnt.
    Der reicht mir, da ich meist alleine spiele (musikalische Untermalung bei meinen Lesungen) und selten mehr als 50 – 70 Leute beschalle.
    Die Leute fragen mich ständig nach CDs, sodass ich nun mal langsam ein paar der Stücke aufnehmen möchte.

    Allerdings habe ich das Problem, dass beim Rechner ziemlich wenig Sound ankommt, das USB-Signal also recht leise ist. Hier verwende ich Audacity.

    Welche Einstellungen hast du genutzt, als du deine Soundbeispiele aufgenommen hast?
    Viele Grüße
    Uwe

    • Hallo Uwe,

      das Problem hatte ich auch anfangs. Verbinde Katana und Computer und öffne das Boss ToneStudio. Dort wählst du rechts unten (man sieht es kaum) „System“ und danach den Punkt „USB“. Dort habe ich „Effect Out Level“ (die beiden Ausgänge mit Effekt und Gainstufe) und „Dry Out Level“ (die beiden Ausgänge mit dem trockenen Signal) auf 200% gestellt.

      Ich hoffe, das hilft dir weiter. Ansonsten kann es natürlich noch an der Einstellung der Soundkarte oder so liegen, aber versuche erst mal das.

  4. Ich möchte mit auch wohl den Katana 100 zulegen. Habe gelesen, dass der Lautstärkeabgleich der 4 Kanäle nicht möglich ist ohne am Master zu drehen. Ist das wirklich so kompliziert, dachte man kann bei den einzelen Sounds ne entsprechende Lautstärke einstellen und abspeichern….!?…..oder immer mit dem Expression angleichen….!?

    • Nein, wer erzählt sowas? Du hast einmal Lautstärke für jeden Kanal: Die tarierst du gut aus, dass keiner zu laut ist und speicherst sie mit ab. Dann brauchst du nur noch den Master. Ist total praktisch!

  5. Ich möchte mit auch wohl den Katana 100 zulegen. Habe gelesen, dass der Lautstärkeabgleich der 4 Kanäle nicht möglich ist ohne am Master zu drehen. Ist das wirklich so kompliziert, dachte man kann bei den einzelen Sounds ne entsprechende Lautstärke einstellen und abspeichern….!?…..oder immer mit dem Expression angleichen….!?

  6. Danke für die schnelle Antwort!
    Hab evtl. an den 100/212 gedacht, aber der 100’er hat bestimmt schon genug Wums….Mit dem Fussschalter warte ich, bis die „neue“ Serie herauskommt, die Der Bedienfläche des Katana angeglichen ist…..
    Gruß Uwe

    • Ach, wusste ich gar nicht, dass die einen neuen Fußschalter planen. Habe jetzt den alten genommen, aber der tut es ja auch.

      Ich finde, der 100er hat genug Wumms, aber ich spiele hier für mich und kann das schlecht beurteilen. Würde aber mit der 0,5 Watt-Einstellung voll auskommen, gehe aber auf die 50 und drehe Volume und Master entsprechend etwas herunter, damit es nicht zu laut wird. Evtl. wäre auch die Kombination aus Topteil und externer Box interessant. Ich glaube, die ist auch schon im Verkauf oder soll bald kommen.

  7. Fußpedal ist der „alte“ GA-FC von Roland/Boss, wird nur dem Katana Bedienfeld (CH14/Panel/Effects) optisch
    angeglichen. Top und Box gibt es, möchte aber nicht mehr so viel schleppen…..

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