Schein und Sein

Das leicht bekleidete Schneewittchen an den Litfasssäulen braucht sich keine Sorgen zu machen: der Herbst in Bielefeld fällt undenkbar milde aus, was mich eine Mücke deutlich hat spüren lassen – aber ich bin ja nicht der Einzige. Obwohl mancherorts ein eiskalter Wind weht, wie sich die hippen Jungs vom StudiVZ denken werden. Don Alphonso und Jörg-Olaf Schäfers haben dem Portal ordentlich zugesetzt, dass mich winterliche Grabesstille um das VZ nicht wundern würde.

Als ich mein Studium begonnen habe, war das Internet gerade ganz was Tolles. Als ich das erste Mal vor einem internetfähigen Computer gesessen habe, gab es noch keine "Studiverzeichnisse", Fireball war noch Konkurrenz für Google und Notebooks etwas für snobbige Jurastudenten. Heute sieht man rund um die Uni-Galerie nichts anderes als aufgeklappte Notebooks: surfend, counterstrikend, warcraftend, chattend, mailend, arbeitend. Seit Neuestem an den Bibliothekscomputern auch studivzettend. Manchmal bin ich froh, ein klein wenig zu alt zu sein, ein Zwischengägner zwischen Altem und Neuem zu sein. Noch Bolzplätze zu kennen, Brom- und Johannisbeeren gepflückt und gegessen zu haben, mir im Wald Buden gebaut zu haben. Und gleichzeitig schon 1987 am C-64 Killerspiele gespielt zu haben. Im Gegensatz zu den bigotten Talkshowpopulisten kenne ich beide Seiten. Lebenserfahrung ist auch nur Ansichtssache.

Verlogene Wertedebatte. Jeden Tag lachen mir die Hippen, Fitten und Schönen von den Plakatwänden herab und winken mit Bier und Wein, mit Schnaps und Drinks, mit Prickelndem und Trockenem. In der Gosse davor hocken die Bielefelder Stadtstreicher, stinken nach Pisse und faulen Zähnen, immer Gebräu nach deutschem Reinheitsgebot am Hals. Edle Tropfen, spritzige Popgetränke, genießen für den Regenwald – in Wahrheit glänzen da Killergetränke, die unaussprechlich viel Leid über die Menschen bringen, mehr als Zigaretten je könnten. Getränke, die uns jeden Tag aufs Neue für ein paar Euro fuffzich Tod und Leid bringen. Kaum ein Politiker redet davon. Schröder macht uns sogar den Tanzbär, wenn er sich mit dem Putin einen heben kann. Hol mir mal 'ne Flasche Bier. Schluck, Schluck, Schluck.

Mein Parteibuch weist auf den Abschiedsbrief des jungen Mannes hin, dessen Spuren man scheinbar aus dem Netz zu radieren versucht. Sinnlos, das sollten auch RTL und die BLÖD langsam wissen. Denn darüber diskutiert's sich nicht so leicht bei Plasberg und Christiansen. Da müsste man ja zig Themen ansprechen wie Schuluniform, Schulpflicht, Demütigungen in der Schule oder gar eine konsumkritische Kapitalismusdebatte anstoßen. Mal anders über "Werte" sprechen. Das goldene Schwein, um das wir tanzen, wenn schon nicht schlachten, dann wenigstens anstechen, um zu gucken, was da rausfließt. Aber das wäre mühsam, schon gar nicht formatgerecht, und man müsste sich die Mühe machen, nach Lösungen zu suchen.

Doch Gewalt ist keine Lösung. Nicht einmal in diesem Fall. Vielleicht merken sie mal, wie bitter ihre eigene braune Medizin so schmeckt. Glaube ich aber nicht. Es gibt ja sogar Leute im Dienst der Bundeswehr, die glauben, Gewalt sei evolutionstheoretisch notwendig. Der Typ ist dreimal so gefährlich wie der junge Mann aus Emsdetten, aber das interessiert doch eh' keinen, solange man jederzeit bequem im Öffentlich-Rechtlichen seine ganz privaten Sündenböcke aufbocken kann. Es geht um den Schein und nicht um das Sein, das hat der junge Amokläufer ganz richtig diagnostiziert und auch prognostiziert.

So mild ist der Herbst, dass in Prien schon Knospen wachsen. Doch der Frost wird kommen. Auch Schneewittchen muss sich warm anziehen.

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