Saufen und Todesmetall

Ist „Spammen“ neuerdings ein Ferienjob für Schüler? Seit Ferienbeginn in NRW bekomme ich hier massenweise „Handmade-Spam“ – da muss jemand massig Zeit haben.

Ansonsten dreht sich die Erde weiter, es ist so schwül wie jeden Sommer und in irgendeinem Badesee sucht man schon wieder nach Krokodilen. Kristina Schröder versucht sich am Sommerloch: Jugendliche sollen nur bis 20:00 Uhr auf öffentlichen Veranstaltungen bleiben dürfen, wo Alkohol ausgeschenkt wird. Ha! Als ob man sich erst nach 20:00 Uhr besaufen könnte! Dieses Gewürge um staatlich verkaufbare Daten ignoriere ich und verweise nur kurz darauf, dass ich durch solche Meldungen immer mehr darin bestärkt werde, dass wir in einer Art Oligarchie mit demokratischen Elementen leben.

Zum Frühstück habe ich mir eben das Feuilleton der FAZ-Online gegönnt und bin dort über die Rezension der Death-Metal-Band Nile gestolpert. Kurz gefasst: Der Autor findet die rezensierte Band geil, technisch auf höchstem Niveau, dabei brachial und Konventionen verachtend zugleich sowie sich gegen den studioverseuchten Rockmusik-Mainstream stellend. Sehr lesenswert, irritierend und komisch zugleich, denn sprachlich ist die Rezension eben typisch FAZ, und sie wirkt so ungewohnt, wenn man die ansonsten doch gerne im verschwörerischen Kumpelton verfassten Rezensionen einschlägiger Genre-Zeitschriften kennt:

Paukengroll, Wellblechdonner, Flüstern, Winseln, Haremsmädchenstimmen: Gemeint ist damit eine Art zeremonieller Gong, etwas wie das Beiseiteziehen samtener Vorhänge vor der Kinoleinwand – man soll sich sammeln, bevor das aggressive Virtuosentum, das gleich fettfrei schlank, eisern diszipliniert und halsbrecherisch flink aus den Musikern hervorbricht, jeden Gedanken ans Atemholen in den Wüstensand stampft.

So ein Gestus kann einem durchaus zuwider sein. Ist die verbissene Insistenz jeder Sekunde dieser Platte, die kreischt, dass hier Personen am Werk sind, die etwas können, das andere nicht können, womöglich die garstigste denkbare Verschärfung der Deppenreligion des Handgemachten und Ursprünglichen, in deren Namen seit bald einem halben Jahrhundert elende Stadionrockspießer und Hifi-Turmwächter ihre blöden Bockigkeiten gegen lebensverschönernde Erfindungen wie Synthesizer, Drumcomputer, Sampling und überhaupt die geschickte und elegante Nachbearbeitung der Früchte menschlicher Fehlbarkeit blöken? Liegt da Fetischismus vor, Verdinglichung, Authentizitätszwangsneurose?

Mehr davon. Aber die Musik von Nile geht bei allem technischen Können trotzdem gar nicht…

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