Pisa-Zeit = Bashing-Zeit?

Ich glaube nicht. Immer wieder auf den gleichen leeren Sack zu prügeln, macht auf Dauer keinen Sinn, keinen Spaß. Die diesmaligen Ergebnisse sind die gleichen. Schüler aus ärmeren Haushalten haben bei gleicher Intelligenz schlechtere Chancen, Abitur zu machen.

Mancher könnte, wie schon bei der letzten Studie, auf die Idee kommen, reiche Familien würden bevorzugt behandelt. Das glaube ich nicht. Vielmehr können die sich leichter Bücher anstelle von Fernsehern, Computer anstatt X-Box und Nachhilfe anstatt Selbsthilfe leisten. Vielmehr leben dort die Eltern ihren Kindern ein Leben mit Bildung vor, fördern deren Lesen, lesen selbst, parken die Kinder nicht täglich vor der Glotze oder der Playstation und können oft auch selber helfend eingreifen. All das fehlt auf der anderen Seite der Gesellschaft.

Wie man das lösen soll, ist eine nicht leicht zu beantwortende Frage. Ich persönlich wäre für die flächendeckende Gesamtschule, aber wenn jemand ein effektives anderes Konzept vorlegt: dann gerne auch. Nur eins ist sicher: Wir verschenken ein ungeheures Potenzial. Geht das auch in die Schädel unserer bildungspolitischen Betonköpfe? Verschenken! Ob Deutschland sich das leisten kann, möchte ich bezweifeln. Wenn nur die Oberschicht abiturfähige Kinder herausbildet und gleichzeitig Akademiker sich dem Kinderwunsch (unfreiwillig) verweigern, dann muss man daraus schließen, dass Frau Schavan im Bildungsministerium demnächst die Lichter ausknipsen kann.

Welch ein Potenzial wir verschenken, sehe ich an T. Der schuftet schon seit Jahren als LKW-Fahrer, hat bei einem namhaften Chipsfabrikanten Chipse geschaufelt und gerade mal die Volks- / Hauptschule gemacht. Okay, er konnte als Teenager perfekt Orgel spielen, ohne dass ihm das jemals jemand beigebracht hatte, aber das hat niemanden wirklich interessiert. Reicht ja, wenn er Sonntags und bei Familienfeiern Liedchen aus dem Radio zur Belustigung der Familie zum Besten geben kann. Eigentlich haben ihn sogar alle für ziemlich doof gehalten.

Mittlerweile ist T. in den Vierzigern und hat sich autodidaktisch Englisch und Alt-Griechisch beigebracht. Er liest das Neue Testament jetzt im Urtext und bildet sich eine eigene Meinung, fernab vom hardcore-christlichen Geschranze in seinem Umfeld, das sich aus einseitig konsumierter Sekundärliteratur speist. Denen hat er damit einiges voraus.

Für mich ist klar: T. ist ein hochintelligenter Mensch. Alleine die Fähigkeit, ohne jedwede theoretische muikalische Vorbildung perfekt Orgel spielen zu können, ist für mich, der ich selber autodidaktisch Gitarre gelernt habe, unbegreiflich. Ich frage mich die ganze Zeit: Was hätte aus T. werden können, wenn er die richtige Schule/Bildung genossen hätte? Was hätte aus einem Mann werden können, der sich mit Vierzig noch einmal aufrafft und neben seinem alltäglichen Knochenjob Alt-Griechisch und Englisch lernt?

Und vor allem frage ich mich: Wie viele T.s versauern jetzt gerade in Deutschland vor einer Playstation oder einem Fernseher? Frau Schavan? Geben Sie bitte Gas!

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