Moralisches Kapital

Es galt ja lange Zeit so einiges als ausgemacht. Wir verkörperten Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und standen für die internationale Behauptung der Menschenrechte. Wir standen für Fairness, im Rechtswesen wie im Sport. Wir waren die Guten. Doch damit ist jetzt Schluss.

Denn mittlerweile müssen wir uns mit einigen bitteren Wahrheiten abfinden: Wir leben in einem erodierenden Rechtsstaat. Alle Bundesbürger werden flächendeckend in maximaler Bandbreite ausgehorcht, ausspioniert und nackt gemacht. Die ersten Menschen dieses Landes ergeben sich darin kraftlos. Ein ehemaliger Verfassungsrichter bejammert öffentlich die Machtlosigkeit der Politik, wo er besser deren Saft- und Tatenlosigkeit anprangern sollte. Doch die Regierung liefert offensichtlich lieber den amerikanischen Kollegen Schützenhilfe, weil das bequemer ist, als selbst aktiv zu werden und weil wegzuschauen immer noch einfacher ist als zu widersprechen.

Und dann das: Auch in der BRD wurde jahrzehntelang systematisch gedopt. Dabei war doch gerade das Doping immer das, was uns von denen im Osten unterscheiden sollte. Die fairen Westsportler gegen die aufgeputschten Dopingmonster aus dem Osten. Doch nichts bleibt von diesem Mythos, außer Lug und Trug. All die medaillenbehangenen Supermänner und -frauen waren nichts als aufgeblasene Heißluftballons, Betrüger und Halunken, während die wahren Sieger irgendwo auf den hinteren Rängen landeten.

Was bleibt ist Ent-Täuschung. Unser moralisches Kapital gegenüber den Schurken schmilzt nicht nur, es kann nicht einmal aufgebraucht sein, es war augenscheinlich nie vorhanden. Dass alle Fäden (auch zum Doping) im Bundesinnenministerium zusammenlaufen, ist hoffentlich ein schlechter Witz. Ansonsten müsste man den Laden vorläufig einfach mal dichtmachen und neu strukturieren. Oder umbenennen. Vorschlag: Bundeministerium für organisierte Kriminalität und Vernichtung von moralischem Kapital.

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